Was ist das „ICH“ ?

Was ist das „ICH“ ?

Ich

Wir fühlen es, wir kennen es, wir sind es. Das Ich ist unser innerer Steuermann und Geschichtenerzähler. Doch was genau ist dieses Ich eigentlich?

Das Wichtigste in Kürze

Es ist immer da, begleitet mich auf Schritt und Tritt. Es kennt alle meine Erinnerungen, weiß, was ich fühle, weiß, wo ich bin. Mein Ich. Richte ich den Blick nach innen und stelle es mir vor, dann sehe ich eine Art Avatar: eine stofflose und leicht unscharfe Projektion der Person, deren Aussehen ich als mein eigenes wiedererkenne, nur etwas jünger und schlanker und mit einer Frisur, die ich vor zehn Jahren trug.

Doch beim Versuch, seine Form und essenziellen Eigenschaften zu begreifen, gleitet mein Ich mir wie Sand durch die Finger. Das Ich. Was ist das eigentlich? Meist nehme ich es als kleinen Steuermann im Cockpit meines Kopfes wahr. Doch es kann sich auch in entfernte Körperwinkel ausdehnen oder in der Vogelperspektive schweben, um mich selbst gleichermaßen von außen wahrzunehmen.
Mit der Frage, was genau das Ich nun ist, bin ich nicht allein. Zwar erkennen sich auch Schimpansen, Delfine und Elefanten selbst im Spiegel. Doch kein Wesen ist vermutlich wie wir Menschen in der Lage, das eigene Selbst so gründlich auf den Prüfstand zu stellen. So weit die Aufzeichnungen unserer Spezies zurückreichen, so lange zeugen sie auch von der Suche nach dem Ich.

“Ich denke, also bin ich”

Erste Etiketten gab ihm schon Aristoteles in seinen Bemühungen, die Welt zu kategorisieren. Als “Ousia”, das “primäre Seiende” oder “die erste Substanz” definierte er das Hypokeimenon, das “Zugrundliegende”, das unabhängig von konkreten Eigenschaften und Merkmalen als konzeptioneller Kern unteilbar fortbesteht. 2000 Jahre später spitzte der französische Philosoph Rene Descartes diesen Gedanken im 17. Jahrhundert mit seinem berühmten Satz “Ich denke, also bin ich” auf das körperlose, denkende Ich zu, die “res cogitans”, die er als Grundlage aller wissenschaftlich erfassbaren Wirklichkeit beschrieb.

Die Vorarbeiten dieser und anderer Philosophen prägten lange unser Bild vom Ich als einer losgelösten Instanz – und das stellt moderne Gelehrte noch heute vor Probleme Die Suche nach dem Ich: Gibt es so etwas wie das Ich überhaupt? Wenn ja: Hat es im Körper einen bestimmten Ort? Und welche Rolle spielt unser Gehirn bei der Entstehung dieser ominösen Empfindung?

Ohne Körper kein Ich

Fest steht: Der Körper ist viel wichtiger für die Konstruktion des Ichs, als Descartes es je vermutet hätte. Denn was auch immer ich erlebe, wird durch die Sinne gespeist. Wir sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen die Welt um uns herum – und auch unseren Körper. Dieser verfügt sogar über einen eigenen Sinn nur für die Wahrnehmung seiner selbst: die Propriozeption, Der sechste Sinn. Rezeptoren in den Muskeln, Sehnen und Gelenken informieren das Gehirn ständig darüber, wo sich der Körper und seine Gliedmaße im Raum befinden, ob wir liegen, sitzen oder gehen. Gemeinsam schaffen all diese Eindrücke und ihre Verarbeitung im Gehirn das Selbst, das erlebte Ich-Gefühl. Es besteht aus den verschiedenen, ständig wechselnden Inhalten unseres Selbstbewusstseins und erdet uns mit einer zentralen Perspektive in der Welt.

Ganz grundsolide ist dieses Sinnes-Ich dennoch nicht. Denn die Selbstwahrnehmung unseres Körpers lässt sich leicht täuschen. So entstehen etwa nach einer Amputation bisweilen aus nun veralteten neuronalen Mustern im Gehirn Phantomschmerzen, wenn die fehlende Hand schmerzt. Und selbst gesunde und unverletzte Menschen lassen sich mit der richtigen experimentellen Trickbatterie davon überzeugen, eine Gummihand oder gar einen kompletten fremden Körper ihr Eigen zu nennen, wenn die Grenzen des Körpers verschwimmen.

Wenn das Ich verloren geht

Auch einige Krankheiten bringen bei den Patienten das sichere Gefühl ihres Ichs ins Wanken Das verlorene Ich. Menschen, die an einer Schizophrenie leiden, empfinden zum Beispiel ihre Handlungen, Gedanken oder Gefühle mitunter nicht mehr als die eigenen, sondern als von äußeren Mächten gesteuert. Demenz kann die Persönlichkeit auflösen oder das Selbst in der Vergangenheit versteinern lassen.

Spektakulär, wenngleich für den Betroffenen tragisch, war der Fall eines Patienten, der als A.D. in die Geschichte der Neurowissenschaft einging. Der Mann hatte infolge eines Herzinfarkts Schäden im frontalen und temporalen linken Cortex erlitten. Wie Woody Allens Character “Zelig” im gleichnamigen Film von 1983 nahm er fortan wie ein soziales Chamäleon immer neue Identitäten an, je nachdem, in welcher Umgebung er sich gerade befand. In der Krankenhausküche wurde er zum Chefkoch, unter Ärzten zum Doktor und in einer Bar zum Kellner.

Auch die Idee, dass traumatische Erlebnisse das Ich sogar in multiple Persönlichkeiten zersplittern können, erfreut sich auf den Fersen von Dr. Jekyll und Mr. Hyde nach wie vor großer literarischer Beliebtheit – wenngleich sie in Fachkreisen umstritten bleibt.

Lernen, Ich zu sein

Doch man muss nicht in solche Extreme gehen, um vom quecksilbrigen Wesen unseres Ichs fasziniert zu sein. Es genügt ein Blick in die menschliche Entwicklung. Denn wir werden nicht mit einem Ich-Bewusstsein geboren. Kleinkinder erkennen sich zu Beginn des zweiten Lebensjahrs noch nicht selbst im Spiegel Erkenne dich selbst – im Spiegel. Haben sie dann eines Tages doch begriffen, wem sie da gerade ins Gesicht blicken, hat das erblühende Selbstbewusstsein noch viel zu lernen.

Erst im Alter von drei bis fünf Jahren erwerben Kinder die sogenannte Theory of Mind, das Wissen um das Ich der Anderen und deren Kenntnisse über einen selbst Theory of Mind – ein Kinderspiel. Sogar das entfaltete Ich entwickelt sich einer Theorie des Philosophen Daniel Dennett zufolge dank der sprachlichen Begabung des Menschen fortwährend weiter. Als Erzähler und Protagonist zugleich verfolgt und formt es die jeweilige Lebensgeschichte und wird damit zum Erschaffer seiner eigenen Erzählung – mit den Worten des Philosophen formuliert: zum “Zentrum der narrativen Gravitation”.

Es ist das Paradox dieser so merkwürdigen Erscheinung “Ich”, dass es uns trotz dieser Fragilität, Wandelbarkeit und Vielschichtigkeit in der Regel beruhigend solide und vertraut erscheint. Dass das so ist, liegt unter anderem am Konzept der Meinigkeit. Es bezeichnet die Gewissheit, mit der wir bestimmte Phänomene als zu uns gehörend einordnen. Mein Bein, mein Bewusstsein, meine Biografie – dass dies alles “zu mir” gehört, ist eine Integrationsleistung des Gehirns. Erst wenn die vielen Teile als Ganzes wahrgenommen werden, erscheint das, was wir als Ich verstehen. Die Meinigkeit ist also eine Grundlage dafür, ein Modell des eigenen Selbst zu entwickeln, das auch über die Zeit stabil bleibt. Das Wissen, dass all dies “zu mir” gehört, erscheint uns dabei selbstverständlich – und hilft nach Vorstellung des Philosophen Thomas Metzinger dem Gehirn dabei, das erlebte und gedachte zu einem ständig aktualisierten Selbstmodell zusammenzubasteln “Mein Tunnel durch die Wirklichkeit”.

Wo sitzt das Ich?

Für die Hirnforschung ist das Ich ein faszinierender Forschungsgegenstand. Aber auch ein schwieriger. Beobachtungen des gestörten Selbst können ebenso wie bildgebende Verfahren Indizien für die Anatomie des Ichs liefern. Doch selbst bei der Suche nach knallharten neuronalen Korrelaten bleibt das Ich schlüpfrig. Ein einzelnes physiologisches Pendant unserer metaphorischen Schaltzentrale gibt es demnach nicht; erst in der komplexen Mischung entsteht das Ich. Bislang ging man davon aus, dass für diesen Cocktail Inselrinde, Gyrus cinguli sowie der mediale präfontale Cortex verantwortlich sind. Doch 2012 wurde der Fall eines Mannes bekannt, bei dem all diese Strukturen schwer geschädigt waren – und der sich trotzdem eines recht intakten Ichs erfreute. Seither vermutet man, dass auch noch weitere Areale bei der Ich- Bildung mitwirken, so wie zum Beispiel der Thalamus oder der posteriore cinguläre Cortex.

Neurobiologisch gesehen muss ich das Bild meines inneren Piloten also wohl gegen das eines Spinnennetzes ersetzen. Doch wenn es stimmt, was Thomas Metzinger behauptet, und es sowieso kein richtiges Selbst gibt, sondern sich das Gehirn nur fortwährend Selbstmodelle bastelt, die ein stabiles Ich vorgaukeln, dann lässt sich auf die Frage, was das Ich denn nun ist, ganz entspannt antworten. Das Ich ist das, was man selbst gerade meint.

Die Suche nach dem ICH

Die Suche nach dem ICH

Suche

Das bin ich! Damit ein Mensch so etwas sagen kann, müssen in ihm viele komplexe Prozesse ablaufen. Forscher verstehen sie erst in Ansätzen – und haben unterschiedlichste Theorien zum Ich entwickelt.

Das Wichtigste in Kürze

Die Philosophen sind schuld. An erster Stelle René Descartes, dicht gefolgt von John Locke. “Ego ille” schrieb ersterer in seinen Meditationen: dieses Ich. “Self is that conscious thinking thing”, lies letzterer verlauten: Das Selbst ist dieses bewusste, denkende Ding. Eine Formulierung, die vielleicht darauf zurückgeht, dass wir dazu neigen, die Welt in Dinge und ihre Eigenschaften zu zerlegen. Eine Formulierung mit weitreichenden Folgen. “Eine Entgleisung”, meint der Bielefelder Philosoph Ansgar Beckermann. Denn mit ihrer ungewöhnlichen Ausdrucksweise setzten die beiden Philosophen die Idee in die Welt, es gäbe so etwas wie ein Ich oder ein Selbst, verstanden als ein Etwas, das man irgendwo dingfest machen könne.

Damit lieferten sie die Basis für die große Vielfalt moderner Theorien, die vom Selbst, vom Selbstbewusstsein oder vom Ich handeln. Schon diese Vielfalt von Begriffen, die mal dasselbe und mal ganz unterschiedliche Dinge meinen, mal Eigenschaften einer Person, mal bestimmte ihrer Fähigkeiten, mal die physiologischen Prozesse, die diesen zugrunde liegen, macht deutlich, dass wir es hier mit einem komplexen Phänomen zu tun haben und mit Forschern, die sich wenig einig sind.

Gerne beginnen Neurowissenschaftler, Psychologen und Philosophen ihre Darstellungen mit einer kleinen Provokation. “Sie sind ihre Synapsen”, schreibt der New Yorker Psychologe und Neurowissenschaftler Joseph LeDoux. “Es gibt kein Ich und es hat nie eins gegeben”, sagt der Philosoph Thomas Metzinger “Mein Tunnel zur Wirklichkeit”. Das klingt sensationell. Es gibt kein Ich? “Natürlich nicht”, sagt Beckermann: “Das Wörtchen ‘ich’ hat in der Sprache seinen Ort als Personalpronomen der ersten Person Singular. Damit beziehen Menschen sich auf sich selbst und sprechen über sich, nicht über ihr Ich.” Doch das bedeute nicht, dass es keine Personen gäbe, keine kognitiven Wesen, die ihre Umwelt und sich selbst wahrnehmen. Beckermann: “Es gibt kein Ich, aber es gibt mich.”

Die heute völlig übliche Rede von “dem Ich” macht die Forschung nicht leichter, denn sie verführt dazu, eine Entität zu suchen, die es nicht gibt. Erst wenn diese Klippe umschifft ist, können die Forscher an ihre eigentliche Arbeit gehen: die zahlreichen komplexen Prozesse aufzuklären, die im Körper und vor allem im Gehirn ablaufen, wenn Menschen sich mit ‘’ich’ auf sich selbst beziehen, welche Mechanismen funktionieren müssen, damit sie sich als Urheber ihrer Handlungen und Eigentümer ihrer Körper erleben können, als Menschen, die mehr oder weniger stabile Persönlichkeitsmerkmale aufweisen und ihre Lebensgeschichte erzählen können.

Die moderne Theorie über dieses komplexe Phänomen setzen mit ihren Erklärungsversuchen auf ganz unterschiedlichen Ebenen an und bedienen sich ganz unterschiedlicher Methoden, von den abstrakten Prinzipien der Mathematik über die Ergebnisse der Neurowissenschaft bis hin zur Entwicklungspsychologie des Menschen. Hier ist eine Auswahl zentraler Ansätze aus den letzten Jahren.

Antonio Damasio: Ordnung in das Selbst bringen

Die erste Aufgabe jedes Forschers, der sich auf dem Gebiet des Ich bewegt, besteht darin, seinen Gegenstand zu zergliedern, um ihn besser handhabbar zu machen. Wie so oft in der Hirnforschung profitieren die Wissenschaftler dabei vom Schicksal der Menschen mit Hirnschädigungen. Hirnschädigungen, die einzelne Fähigkeiten des Menschen in Mitleidenschaft ziehen, andere jedoch bestehen lassen, haben die Forscher überzeugt, dass sie es bei “dem Ich” mit komplexen und evolutionär unterschiedlich alten Phänomenen zu tun haben. Bekannt geworden ist vor allem die Unterscheidung von Protoselbst, Kernselbst und autobiografischem Selbst des Neurowissenschaftlers Antonio Damasio von der University of Southern California. Das Protoselbst hat seine neuronale Basis im Hirnstamm, ist eine Art Karte des Körpers und bleibt unbewusst. Das Kernselbst entsteht, wenn der Organismus mit einem Gegenstand interagiert, und geht mit subjektivem Empfinden einher. Doch erst das autobiografische Selbst integriert Erinnerungen zur Geschichte eines seiner selbst bewussten Menschen. Das Selbst beginnt damit keineswegs erst in der Großhirnrinde.

Jaak Panksepp: Am Anfang war die Tat

Auch für den Psychologen Jaak Panksepp von der Bowling Green State University of Ohio, den Vorreiter der Affektiven Neurowissenschaft, beginnt das Ich nicht mit dem Selbstbewusstsein hochorganisierter Säugetiere, sondern ganz schlicht bereits mit Bewegungen. Fliehe ein Kaninchen vor einem Räuber, handle es sich um die rudimentärste Form eines Bewusstseins – von einem Körper, der an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit mit einem bestimmten Gefühl etwas tut. Grundlage hierfür sind nach Panksepps Ansicht Repräsentationen dieser motorischen Aktivität in evolutionär alten Hirnregionen. Wer zu solch einfachen Reaktionen in der Lage sei, sei ein SELF: eine Simple Egotype Life Form. Erst darauf bauten höhere Formen bis hin zum reflektierten Selbstbewusstsein des Menschen auf.

Karl Friston: Das Ich als Annahme über die innere Welt

Der britische Neurowissenschaftler Karl Friston vom University College London geht die Entstehung eines “Sinns für das Selbst” nicht evolutionär, sondern funktional an. Seine Theorie des Gehirns als Organ, das Vorhersagen produziert, setzt bei der Erkenntnis an, dass der Cortex viel mehr mit Feedbacksignalen aus anderen Teilen des Gehirns beschäftigt ist, als mit Signalen aus den Sinnesorganen. Fristons Interpretation: Das Gehirn generiert ständig Voraussagen darüber, welche Daten als Nächstes einlaufen werden und vergleicht sie mit den tatsächlichen. Bestätigt sich die Voraussage, wird der Prozess auf einer unteren neuronalen Ebenen abgehakt, erst wenn etwas Unerwartetes geschieht, wird die nächsthöhere Ebene benachrichtigt: über den Voraussagefehler, nicht über die Welt. Dort wird die Voraussage korrigiert, oder, wenn sie dann immer noch nicht passt, noch weiter nach oben gereicht. Man erzählt der Chefin ja auch nicht ständig, dass alles ist, wie es sein sollte, sie bekommt vor allem die Probleme auf den Tisch. Letztlich geht es dem Gehirn immer nur um eins: Überraschungen zu vermeiden, meint Friston. Diese Theorie wurde zuerst für die visuelle Wahrnehmung formuliert. Inzwischen sind ihre Verfechter überzeugt, mit diesem Ansatz die kognitiven Funktionen insgesamt in den Griff zu bekommen, auch unser Selbstbewusstsein. Dieses entstehe, wenn das Gehirn Voraussagen über die innere Welt macht und korrigiert – wahrscheinlich in der Insula und im anterioren cingulären Cortex Voraussagefehler in der inneren Wahrnehmung oder in den Denkprozessen machen die Forscher auch als Basis von Ichstörungen wie Schizophrenie oder Depressionen aus.

Marcus E. Raichle: Wenn das Gehirn Pause hat, probt es für das Selbst

An wiederum ganz anderer Stelle sucht der Neurologe Marcus E. Raichle von der School of Medicine der Washington University die Grundlagen der Fähigkeit, “ich” zu sich zu sagen. Seiner Ansicht nach spielt der präfrontale mediale Cortex dabei eine Schlüsselrolle. Seit den 1920er Jahren ist bekannt, dass das Gehirn auch dann aktiv ist, wenn der Mensch sich ausruht. Raichle und seine Gruppe konnten Anfang dieses Jahrhunderts zeigen, dass sich diese Aktivität sogar auf einem recht hohen Niveau abspielt. Wenn der Mensch sich auf eine Aufgabe konzentriert, wird sie nur geringfügig höher. Die Forscher nannten diese Ruheaktivität default mode, Normalzustand. Befindet sich der präfrontale mediale Cortex in diesem Normalzustand, ermögliche dies eine Art inneren Probelauf, in dem Informationen aus Körper und Welt mit Erinnerungen, Bewertungen und Plänen zusammengebracht werden. Dies sei zentral für das vielfältige Phänomen namens Selbst, so Raichle. Und der präfrontale mediale Cortex, der mit zahlreichen Regionen des Gehirns in enger Verbindung steht, sei ein geeigneter Kandidat für die neuronale Grundlage dieser Informationsbörse.

Joseph LeDoux: Was den Menschen einzigartig macht

Was Menschen eigentlich verstehen möchten, wenn sie nach “dem Ich” fragen, ist, wie ihre Individualität zustande kommt, was sie als Mensch einzigartig macht, meint Joseph LeDoux von der New York University. Das ist auch der Sinn hinter seinem provokativen Ausruf: “Sie sind Ihre Synapsen”. Bei jedem Menschen sind die Neuronen auf einzigartige Weise verschaltet. Und die Einzigartigkeit dieser Verschaltung ist es, die die Einzigartigkeit jeder Person ausmacht. Das Selbst, so LeDoux, ist ein zerbrechliches Gebilde. Es ist ein Gefüge aus Gedanken, Emotionen und Motiven und besteht, solange es dem Gehirn gelingt, die ganz unterschiedlichen neuronalen Systeme für Wahrnehmung, Bewegungssteuerung, Emotion, Motivation, Regulation der inneren Organe und Entscheidungsfindung richtig zu koordinieren. Dann passen Handlungsabsichten, die daraufhin ausgeführten Bewegungen, die damit einhergehenden Körperempfindungen und Emotionen zusammen. Zerfällt dieser Zusammenklang, löst sich das Selbst auf. Angststörungen, Schizophrenie, Depressionen können die Folge sein.

Daniel Dennett: Das erzählte Ich

Was LeDoux ein fragiles Gebilde nennt, ist für den Philosophen Daniel Dennett von der amerikanischen Tufts University eine bemerkenswert robuste Abstraktion. Er nennt sie “narratives Gravitationszentrum”: dieses besteht aus den Geschichten über uns selbst, mit denen wir bestimmen, wer wir sind – und existiert, solange wir oder andere Geschichten über uns erzählen. Das Ich ist also nicht die Quelle unserer Gedanken, sondern sein Produkt, wesentlich bestimmt durch die Geschichte des Individuums. Und wie sein physikalisches Gegenstück, ist es nicht an einem bestimmten Ort lokalisierbar. Wir schaffen uns ein Ich, um über uns sprechen und unsere Erfahrungen organisieren zu können. Gewöhnlich gibt es ein narratives Gravitationszentrum pro Körper, so Dennett, bei multiplen Persönlichkeitsstörungen könnten es aber auch mehrere sein.

Jerome Kagan: An der Zusammenarbeit der Disziplinen führt kein Weg vorbei

Den Psychologen Jerome Kagan von der Harvard University dürfte dieses Ergebnis nicht überraschen. Er wehrt seit den 1970er Jahren gegen die Idee, nach den ersten beiden Lebensjahren stehe die Persönlichkeit des Menschen fest. Vielmehr entwickle sich eine Person im Zusammenwirken von Anlagen und Umwelt über ihre Lebensgeschichte. Niemand könne eine Person verstehen, ohne ihre Geschichte zu kennen, so Kagan. Entsprechend müssten Biologie, Psychologie und Geisteswissenschaften zusammenarbeiten, um den Menschen zu verstehen. Das Ich im Gehirn finden zu wollen, mache keinen Sinn.

Epilog

Am Anfang stand ein Wörtchen: Ich. Bei genauerem Hinsehen stellten und stellen die Forscher immer detaillierter fest, dass sich hinter diesen drei Buchstaben ein ganzer Komplex von Phänomenen verbirgt, vom Körpergefühl bis zum Selbstbewusstsein. Ein Komplex, den sie ganz unterschiedlich aufgliedern. Und auch methodisch macht es einen Unterschied, ob man “das Ich” als Neurologe, Entwicklungspsychologe, Evolutionsbiologe, Mathematiker oder Philosoph angeht. Dass sich die verschiedenen Forscher bald auf eine umfassende Theorie einigen werden, ist nicht in Sicht. Diese Theorie aufzustellen, ist eine enorme Aufgabe, denn sie müsste eine Frage wie “Wie wurde ich der Mensch, der ich bin?” ebenso beantworten wie die nach den neuronalen Korrelaten des Selbstbewusstseins und den Ursachen von Ich- Störungen.

Einig sind sie sich jedoch darin, dass “das Ich” kein Ding ist, das man irgendwo finden könnte, wie man einen verlorenen Schlüssel finden kann. “Das Ich” ist vor allem eine verwirrende Redeweise, eigentlich eine Entgleisung. Der Philosoph Beckermann ist sich sicher: “Alles, was man über das Ich sagen kann, kann man besser und klarer sagen, wenn man es auf eine Person bezieht. Denn ich sitze im Sessel, nicht mein Ich.”

Angststörung

Angststörung

Angststoerung-Abenteuer-Psychologie-Stefan Ferner

Angst zu haben, ist etwas ganz Normales. Allerdings kann sich Angst manchmal verselbstständigen und zu einem quälenden Problem werden. Fassen Sie Mut, gehen Sie zu einem Experten! Ihre Angst ist wahrscheinlich gut behandelbar.

Das Wichtigste in Kürze

Angst ist eine zentrale Emotion in unserem Leben, die uns dabei hilft, Schaden von uns abzuwenden, gefährliche Situationen zu meiden und uns durch den Alltag zu navigieren. Ohne sie würde es uns wahrscheinlich heute nicht geben.

Viele Dinge machen Menschen Angst: Kaum jemand mag giftige Tiere streicheln, freie Reden vor großem Publikum halten oder in vollkommen überfüllten U-Bahnen fahren. Angst macht sich auch körperlich bemerkbar: Der Herzschlag erhöht sich, die Muskeln spannen sich an und unsere Atmung beschleunigt sich.

Obwohl Angst etwas sehr Natürliches ist, kann sie sich bei manchen Menschen ins Unerträgliche steigern und so zu einem quälenden Problem werden: Dies markiert den Übergang zu einer Angsterkrankung, bei der die Angst das Leben kontrolliert. Angst hat dann ihre eigentlich nur schützende Funktion verloren und kann unseren Alltag bestimmen und damit zur Hölle machen. Hier sollte professionelle Hilfe gesucht werden. Sie können dafür Ihren Hausarzt fragen oder auch direkt im Internet nach einem Therapeuten in Ihrer Nähe suchen.

Ein häufiges Leiden

Angsterkrankungen sind keine Seltenheit: Die Häufigkeit (Prävalenz) von Angsterkrankungen in Deutschland wird auf über 15 Prozent in der Gesamtbevölkerung geschätzt. In jedem Fall sollten Sie das nicht als ein Zeichen von Schwäche oder Minderwertigkeit auffassen – eine Angsterkrankung kann jeden treffen.

Viele Menschen mit Angsterkrankungen warten aus missverstandener Scham oft Jahre, bevor sie sich ihr Problem eingestehen und den Mut fassen, einen Arzt oder Psychotherapeuten zu konsultieren. Dabei sucht sich doch niemand selbst bzw. bewusst aus, ob er krank oder gesund ist! Angsterkrankungen verschwinden selten von selbst und je länger Sie eine Behandlung vermeiden, desto schwieriger wird sich die Therapie gestalten.

Finden Sie den Mut für einen Termin bei einem Spezialisten

Was sollten Sie also tun, wenn Sie aufgrund Ihrer Ängste kein normales Leben mehr führen können? Die Antwort ist zunächst sehr einfach: Fassen Sie den Mut und gehen Sie zunächst zu Ihrem Hausarzt, einer psychologischen Beratungsstelle oder einem Psychotherapeuten (dafür brauchen Sie keine Überweisung!) und schildern Sie Ihre Probleme offen. Lassen Sie sich helfen: Je mehr Sie sich öffnen, desto mehr Details stehen dem Experten bei der Untersuchung zur Verfügung und umso genauer kann er sich ein Bild von Ihrer Situation machen und helfen.

Können körperliche Ursachen (z.B. eine Schilddrüsenüberfunktion) ausgeschlossen werden, erhärtet sich der Verdacht einer Angsterkrankung. Ihr Hausarzt wird Sie in diesem Fall an einen Facharzt überweisen, der die weitere Diagnostik und gegebenenfalls Therapieoptionen mit Ihnen bespricht. Ihre Familie wird Sie auf diesem Weg begleiten und Ihnen den Rücken stärken – nehmen Sie die Hilfe an und sagen Sie, was Sie sich wünschen oder was konkret getan werden kann, um Ihnen zu helfen. Bedenken Sie, dass Ihre Erkrankung auch Ihre Familie betrifft und beziehen Sie sie in Entscheidung mit ein.

Was passiert nach einer Diagnose?

Eine Diagnose kann sowohl Erleichterung als auch zusätzliche Belastung verursachen. Behalten Sie aber im Hinterkopf, dass zu wissen, was Ihnen fehlt, der erste Schritt in Richtung Heilung ist. Angsterkrankungen lassen sich heute auf viele unterschiedliche Weisen erfolgreich und sicher behandeln.

Generell gibt es sowohl medikamentöse als auch psychotherapeutische Ansätze, die bei der Behandlung von Angsterkrankungen zur Anwendung kommen können. Oft werden auch beide kombiniert, um so den Effekt für den Patienten zu optimieren. Entspannungsverfahren können dabei für zusätzliche Entlastung hilfreich sein.

Die Medikamententherapie zielt auf eine Normalisierung der Signalübertragung im Gehirn ab, die mit der Entstehung und Aufrechterhaltung von Angsterkrankungen in Verbindung gebracht wird. Dazu gibt es mittlerweile viele verschiedene Medikamente, die Ihr Arzt mit Ihnen im Detail bespricht, um dann das für Sie optimale auszuwählen. In jedem Fall sollten Sie sich vor online angebotenen Mitteln hüten, die eine schnelle Hilfe versprechen.

Medikamente oder Psychotherapie oder beides?

Neben der Medikamententherapie hat sich in der Vergangenheit insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie bewährt. Die Grundlage der kognitiven Verhaltenstherapie ist es, angstauslösende bzw. angstkonservierende Gedanken (Kognitionen) zu erkennen. Auf diese Weise wird zusammen mit Ihnen ein grundlegendes Verständnis der Erkrankung erarbeitet, was erfahrungsgemäß bereits erste Erleichterung verschafft. In weiteren Sitzungen werden Sie Schritt für Schritt mit den angstauslösenden Reizen konfrontiert und angeleitet, sich Ihrer Angst zu stellen. Dies passiert zuerst mental, später dann virtuell – zum Beispiel am Computer, wo man das Bild einer Spinne präsentiert bekäme und per Joystick näher heranholen kann. Schließlich folgt die Begegnung mit einer echten Spinne. Die Stärke der Angstauslöser wird also kontinuierlich gesteigert, allerdings nur in engmaschiger Absprache mit Ihnen.

Ziel ist es, die körperlichen und geistigen Symptome der Angst voll zu erleben. Sicherheitsverhalten (z.B. Verlassen der Situation) oder Beruhigungsmittel sind dabei nicht erlaubt. Mit der Zeit werden Sie merken, dass die Angst von selbst nachlässt und Sie sich beruhigen. Sie lernen dabei, wie Sie am besten mit ihr umgehen und dass sie letztendlich von selbst verschwindet.

Machen Sie sich keine Sorgen: Auch wenn sich diese Herangehensweise sehr belastend und unangenehm anhört, erfolgt kein Schritt ohne Ihre Zustimmung und ohne ärztliche beziehungsweise psychologische Aufsicht. Zudem werden alle Übungen vorher sehr genau mit Ihnen besprochen und an das, was Sie sich selber zutrauen, angepasst.

Als weitere Hilfestellung werden Ihnen in der Therapie Fähigkeiten vermittelt, die Sie  dabei unterstützen, mit Ihrer Angst besser umzugehen. Damit lernen Sie, angstauslösende Situationen aus einer realistischen Perspektive zu sehen und Ihr eigenes Verhalten besser zu verstehen.

Was Sie selbst tun können

Informieren Sie sich über Ihre Erkrankung! Wissen ist Macht und kann Ihnen dabei helfen, Ihr eigenes Verhalten, Ihre Gefühle und Emotionen zu verstehen. Außerdem kann das Erlernen von Entspannungsverfahren – wie z.B. die progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen – helfen, Stress abzubauen.

Bleiben Sie aktiv, treiben Sie Sport und versuchen Sie, sich angstauslösenden Situationen bewusst zu stellen. Viele Menschen vermeiden diese, stellen sich ihnen nur in Begleitung anderer Menschen oder greifen zu ihrer „Notfallmedizin“. Das können angstlösende Medikamente sein, oder auch “nur” ein Talisman. Versuchen Sie, sich den für Sie belastenden Situationen auszusetzen und die Angst ohne Ablenkung und Hilfsmittel zu ertragen. Sie werden erleben, dass die Angst bald von selber nachlässt.

Selbsthilfegruppen sind immer eine gute Anlaufstelle für Personen mit Angsterkrankungen. Hier können Sie sich in einem ungezwungenen Rahmen austauschen und sich gegenseitig Rat geben. Menschen in ähnlichen Lebenslagen können oft am besten verstehen, wie Sie sich fühlen.

Seien Sie offen und ehrlich zu Ihrem Partner, Ihrer Familie und Ihren Freunden. Erzählen Sie, was Sie bedrückt, wie Sie sich fühlen, was genau Ihre Sorgen sind und wie Ihnen Ihre Mitmenschen konkret helfen können. Verstehen Sie aber auch die Probleme Ihres Gegenübers und respektieren Sie Grenzen.

Achten Sie auf das Wohlbefinden Ihres Partners / Ihrer Familie, aber auch auf Ihr eigenes. Gehen Sie Hobbys nach, treffen Sie Freunde und tun Sie, was Ihnen Spaß macht. Das alles kann dabei helfen, sich wieder gut zu fühlen.

Klopf auf Holz – Das magische Denken

Klopf auf Holz – Das magische Denken

Klopf Klopf

Magisches Denken bezeichnet in der Psychologie in der Hauptsache eine Erscheinungsform der kindlichen Entwicklung, bei dem diese irrtümlich annehmen, dass ihre Gedanken, Worte oder Handlungen Einfluss auf ursächlich nicht verbundene Ereignisse nehmen, oder ein bestimmtes Ereignis hervorrufen können, beziehungsweise dieses verhindern. Allgemeingültige Regeln von Ursache und Wirkung werden dabei ignoriert. Das magische Denken ist bei Menschen weit verbreitet und normal, denn mehr als zwei Drittel der Menschen glauben an gute und böse Vorzeichen. Magisches Denken im allgemeinen psychologischen Sinn ist somit der zwanghafte Glaube eines Menschen, dass seine Gedanken, Worte oder Handlungen auf magische Weise ein bestimmtes Ereignis hervorrufen oder verhindern können. Aus dem magischen Denken können unter Umständen Zwangsstörungen entstehen, denn Menschen mit magischem Denken haben etwa die Befürchtung, es könnte etwas Schlimmes passieren, wenn sie bestimmte Handlungen vornehmen oder nicht vornehmen oder bestimmte Dinge denken oder nicht denken. Die neurologische Grundlage des Glaubens sind nach Ansicht von Experten bloß eine Illusion, die sich im Kopf abspielt. Eine veränderte Gehirnstruktur führt dazu, dass gewisse Menschen Übersinnliches wahrnehmen, wo gar nichts ist, denn Menschen neigen dazu, an die Bedeutsamkeit zufälliger Ereignisse zu glauben. Das gilt für banale Koinzidenzen des Alltags, aber auch für grundlegende Fragen etwa nach der Entstehung des Lebens. In Experimenten wurde nachgewiesen, dass es allein die Menschen sind, die Bedeutsamkeit erschaffen, nicht irgendwelche esoterischen Wesenheiten. Jeder Mensch stolpert in seinem Leben irgendwann über Zufälle, und die Frage ist, wie er damit umgeht. Der Glaube an paranormale Kräfte hat wohl seinen Ursprung in körperlichen Phänomenen wie etwa den unbewussten Bewegungen beim Pendeln, die ein Laie nicht erklären kann und darum mit allerlei abstrusen Ideen deutet. Beim Aberglauben, der auf magischem Denken fußt, handelt es sich um die Annahme eines objektiv nicht vorhandenen oder unmöglichen Wirkzusammenhangs, der allerdings in der jeweiligen Kultur akzeptiert sein muss. So glauben viele Menschen daran, dass eine Wünschelrute unterirdische Wasseradern anzeigen kann, glauben an die Wirkung von Amuletten und Glücksbringern, an Gebete, an gute und böse Omen und unsichtbare Wesen. Aberglauben manifestiert sich innerhalb und außerhalb von Religionen in bestimmten rituellen Handlungen oder religiösen Opfern. Religion kann daher magisches Denken ritualisieren, es in harmlose Denk- und Verhaltensweisen kanalisieren und somit für Menschen mit entsprechender Neigung hilfreich sein. Ein psychisch gesunder Mensch kann sich im Gegensatz zu einem kranken von magischen Handlungen und Denkweisen lösen. Die meisten magischen Denkinhalte sind nicht unmittelbar gefährlich, wie etwa glücksbringende Rituale oder Gegenstände. Die Gefahr bei krankhaftem magischen Denken liegt in der Manipulierbarkeit und in der Irrationalität, was die Schutzbedürftigkeit von Menschen mit magischem Denken begründet. Magisches Denken ist in der Regel eine normale Durchgangsphase in der Kindheit, im Erwachsenenalter kann es Symptom einer Psychose oder schizotypischen Persönlichkeit sein, kommt aber auch bei leichten Neurosen vor.

In der magischen Phase kann sich das Kind in seiner Vorstellung in andere Wesen wie Feen, Hexen oder Zauberer verwandeln und schafft sich in dieser Als-ob-Welt einen Raum, in dem alles vorstellbar, alles möglich ist, also auch das, was es in Wirklichkeit nicht gibt. Dinge, die es beschäftigen und berühren, verarbeitet es im Rollenspiel und gleichzeitig macht das Kind die Erfahrung, wie man sich in verschiedenen Rollen fühlt und bei anderen ankommt. Viele dieser Vorstellungen und Muster findet man in den Märchen. Diese Fantasien des Kindes sind wichtig für die Entwicklung, denn das magische Denken entspricht einer altersgemässen kindlichen Logik, und auch wenn einige Kinder länger in diese Fantasiewelt leben als andere, gefährdet dies nachweislich die intellektuelle Entwicklung nicht. In der Erwachsenenwelt, in Natur und Technik gibt es für Kinder viele komplizierte Dinge und Sachverhalte, für die Kinder ihre eigenen Erklärungen suchen müssen. Eltern sollten ihrem Kind daher diese Sichtweise lassen, damit es seine fantasievollen Vorstellungen bewahren kann, und dem magischen Denken mit wachem Interesse und Einfühlungsvermögen folgen, um sich einen direkteren Zugang zur Kinderwelt zu eröffnen.

Magisches Denken in Stammeskulturen

Der Anthropologe Edward Burnett Tylor prägte den Begriff „assoziatives Denken“ als eine Form des vorrationalen, magischen Denkens, das noch immer in Stammeskulturen zu beobachten ist. Die Grundannahme besteht darin, dass zwei Gegenstände aufgrund ähnlicher Gestalt aufeinander Einfluss nehmen können. Zum Beispiel reiben die Azande, eine afrikanische Ethnie, Bananenstauden mit Krokodilzähnen ab, um ihre Erträge zu sichern. Da Krokodilzähne wie Bananen gekrümmt sind und nachwachsen, sobald sie ausfallen, glauben die Azande, dass die Krokodilzähne ihre positiven Eigenschaften durch Reibung auf die Stauden übertragen können.

Magisches Denken im Umfeld psychischer Störungen

Im Erwachsenenalter kann magisches Denken Teil mehrerer abgeschwächter psychotischer Symptome sein, jedoch ist nicht jede Form von magischem Denken psychotisch. In den DSM-IV-Kriterien der schizotypischen Persönlichkeitsstörung werden Beziehungsideen, eigentümliche Vorstellungen oder magisches Denken sowie ungewöhnliche Wahrnehmungserlebnisse, eine eigenartige Denk- und Sprechweise sowie paranoide Ideen genannt.

Im Rahmen von Zwangsstörungen ist magisches Denken häufig zu beobachten und Auslöser für starke Ängste und Spannungszustände, die zu Zwangshandlungen führen. Im Unterschied zur paranoiden Überzeugtheit, steht bei Zwangsstörungen der Zweifel im Vordergrund.

Magisches Denken in der Kindheitsentwicklung

Ein Teil der Entwicklungspsychologen sieht in Anlehnung an Jean Piaget („Egozentrismus“) magisches Denken als eine archaische Denkform der animistisch-magischen Entwicklungsphase des zwei- bis fünfjährigen Kindes. Piaget spricht auch vom präoperationalen Denken des Kleinkindes.

Als Vorstufe des rationalen Denkens tritt bei Kindern magisches Denken etwa in Form des Glaubens an Wirkungen von Zauberei, Beschwörungen oder Wunschdenken auf.

Annahmen bei magischem Denken

Thomas Grüter nennt als Charakteristika magischen Denkens die (hier vereinfacht wiedergegebenen) Annahmen,

  • es gebe übernatürliche Fernwirkung;
  • Gegenstände könnten Eigenschaften ihrer Besitzer übertragen;
  • Dinge, die eine Eigenschaft gemeinsam haben, seien auch in Anderem ähnlich (beispielsweise Homöopathie, Signaturenlehre oder Analogiezauber);
  • man könne die Außenwelt durch Worte, Formeln, Sprüche oder bloße Gedanken beeinflussen;
  • die Zukunft sei vorhersehbar, bestimmte Dinge oder Vorgänge hätten eine Vorbedeutung, auch ohne Verbindung mit künftigen Ereignissen;
  • Symbole, zum Beispiel Amulette, hätten eine Wirkung;
  • bestimmte Menschen hätten übernatürliche Kräfte oder könnten Wesen mit solchen Kräften in ihren Dienst zwingen;
  • Geister, Götter oder Geheimgesellschaften könnten voneinander getrennte Ereignisse oder Phänomene verbinden.

Warum die Isländer Elfen und Trolle lieben

In Island müssen Bauarbeiter aufgebrachte Elfen besänftigen.

Elfen
Diese Meldung ist echt: Straßenarbeiter in Island haben einen versehentlich zugeschütteten Felsen wieder freilegen müssen, um aufgebrachte Elfen zu besänftigen. Die mythischen Wesen hätten möglicherweise eine ganze Reihe von seltsamen Vorfällen bewirkt, nachdem ihr Elfenfels bei Straßenarbeiten im vergangenen Jahr verschwunden war, berichtete die Zeitung Morgunbladit.Und das ist bei weitem kein Einzelfall: Es wurden bereits mehrfach Baustellen verlegt, um die Ruhe mythischer Wesen nicht zu stören.Es ist den Bewohnern Islands ein Bedürfnis, der Natur und Landschaft großen Respekt zu zollen. So wird dafür gesorgt, dass der Schlummer von Feen, Alben, Gnomen, Trollen und sogar Riesen nicht gestört wird.Und tatsächlich: Auf Anweisung des isländischen Straßenbauamts sei der Felsen in dieser Woche wieder freigelegt und sogar mit einem Hochdruckreiniger sauber gemacht worden.

Und warum das alles?

Ein Angestellter der verantwortlichen Straßenbaufirma Bass, Sveinn Zophoniasson, berichtet von rätselhaften Geschehnissen nach dem Zuschütten des Felsens: Die Straße sei überflutet worden, ein Bauarbeiter sei verletzt worden, Maschinen hätten ihren Dienst versagt und ein Journalist sei beim Besuch der Baustelle in eine Matschgrube gefallen und habe gerettet werden müssen.“An den Felsen hatten wir zuerst gar nicht gedacht“, sagte Zophoniasson. In den volkstümlichen Überlieferungen der Gegend gelte der Ort aber als geheiligtes Elfenterritorium.

Ob nun unerklärbar oder etwas schräg. Mit oder ohne Kausalzusammenhänge, oder auch mit den falschen – Hauptsache für Sie ergibt sich ein schlüssiges Konzept, das Sie leitet und trägt. Ob es andere verstehen können? Deren Problem, nicht Ihres! Wer von uns also würde sich nicht gerne einmal wieder in die Welt von Superhelden und Fantasten hineindenken wollen? Der Traum von der Märchenprinzessin samt weißem Gaul und Prinz, dem kleinen Dackel der einem schüchternen Jungen Superkräfte verleiht oder dem Heilstein den mir Oma einmal geschenkt hat, der mich durch manche schwierige Situation hindurchgetragen hat, haben ihren ganz eigenen Charme und ihre Berechtigung. In jedem Fall besser und ungefährlicher und mit keinerlei Kollateralschäden verbunden, im Gegensatz zu den Allmachtsfantasieen weniger Politiker, CEO’s oder  Multimilliardären, die genau betrachtet ein ergiebigeres Feld für die Psychiatrie wären, als ein Mensch, der in seinen Tagträumen über Wasser gehen kann je werden könnte.

Bleiben Sie also, wie Sie sind. Denn manchmal ist die schönste Erklärung dafür, warum der Himmel blau ist einfach: Weil er wunderschön blau ist.

SÜCHTIG NACH LIEBE

SÜCHTIG NACH LIEBE

Süchtig nach Liebe

Wer verliebt ist, für den steht die Welt Kopf. Wie sehr die Liebe unser Empfinden beeinflusst, erforschen auch Neurobiologen und Anthropologen. Sie fanden heraus, dass Liebe nicht nur blind macht, sondern auch süchtig. Und das aus gutem Grund.

Das Wichtigste in Kürze

  • Neurowissenschaftler glauben, dass man Liebe mit einer Sucht vergleichen kann. Im Körper und im Gehirn von Verliebten laufen zumindest ähnliche Prozesse ab.
  • Auch der Schmerz eines Menschen, der verlassen wird, ist durchaus mit Entzugssymptomen zu vergleichen.
  • Der Neurotransmitter Dopamin und die Hormone Vasopressin und Oxytocin werden bei Verliebten vermehrt ausgeschüttet.
  • Beim Anblick eines geliebten Menschen ist das Belohnungssystem besonders aktiv. Areale, die für Angst oder kritische Bewertungen zuständig sind, weisen dagegen eine verminderte Aktivität auf.

  

Erforschung der Liebe

In 170 Gesellschaften haben Forscher das Gefühl der Liebe nachgewiesen, bislang ist keine Bevölkerungsgruppe bekannt, welche die Emotion nicht kennt. Trotzdem war die Liebe bis in die 60er Jahre hinein kein Gegenstand empirischer Forschung: Die Beschäftigung mit dem Thema galt als unseriös. Erst 1957 wagte sich der Psychologe Harry Harlow an die Liebe heran – allerdings mit umstrittenen Experimenten. Er ließ junge Rhesusaffen ohne Mutter aufwachsen – und wies nach, dass das Fehlen einer Mutter-Bindung zu starken Verhaltensauffälligkeiten führt. Auch die Rolle des Bindungshormons Oxytocin wurde in Tierstudien nachgewiesen. Bevorzugtes Studienobjekt ist die Wühlmaus: Während amerikanische Präriewühlmäuse sehr gesellig sind und in festen monogamen Beziehungen leben, sind ihre Verwandten, die Gebirgswühlmäuse, äußerst ungesellig, haben aber zahlreiche Geschlechtspartner. Die Unterschiede im Verhalten der Tiere sind auf einer unterschiedlichen Anzahl an Rezeptoren für die Bindungshormone Oxytocin und Vasopressin begründet – und lassen sich durch die Gabe der Hormone manipulieren.

Das Herz rast, das Zeitgefühl schwindet und die Gedanken kreisen nur noch um die eine Person – wenn wir verliebt sind, steht die Welt Kopf. „Liebe ist eine schwere Geisteskrankheit“, soll schon Platon gesagt haben. Die Anthropologin Helen Fisher von der Rutgers Universität in New Jersey, eine der bekanntesten Forscherinnen auf dem Gebiet der Liebe, formuliert es versöhnlicher: „Romantische Liebe ist eines der mächtigsten Gefühle auf dieser Welt.“

Doch was passiert eigentlich mit uns, wenn wir uns verlieben? Eine Antwort auf diese Frage suchen Forscher wie Fisher seit einigen Jahren, indem sie die Hirnaktivitäten von verliebten Studienteilnehmern untersuchen. So schickten die Neurobiologen Andreas Bartels und Semir Zeki vom University College London im Jahr 2000 17 frisch Verliebte in einen Kernspintomographen und maßen deren Hirnaktivität, während sich die Probanden Fotos von der geliebten Person und von Freunden ansahen.

Liebe macht tatsächlich blind

Die Resultate waren verblüffend: Sahen die Probanden Bilder der geliebten Person, waren andere Areale aktiv als bei einem Blick auf ihre Freunde. Besonders interessant war die Aktivität von Hippocampus, Nucleus caudatum, Putamen und Nucleus accumbens Die Hirnareale spielen im Belohnungssystem des Gehirns eine wichtige Rolle.

Hirnregionen jedoch, die für die Wahrnehmung von Angst zuständig sind oder für die kritische Bewertung anderer, waren beim Anblick der geliebten Person weniger durchblutet als üblich. „Es ist nicht verwunderlich, dass wir häufig überrascht sind von der Partnerwahl, die andere treffen, und uns fragen, ob sie den Verstand verloren haben“. Tatsächlich haben sie das. Liebe ist oft irrational, weil rationale Entscheidungen ausgesetzt oder nicht mehr mit der üblichen Strenge angewandt werden.“ Möglicherweise macht Liebe ja tatsächlich blind.

Süchtig nach Liebe

Schuld an der veränderten Wahrnehmung des Geliebten ist auch ein ganz besonderer Cocktail aus Hormonen und Neurotransmittern, die bei Verliebten im Gehirn ausgeschüttet werden.

Eine zentrale Rolle spielt dabei das Dopamin. Der Neurotransmitter, den viele als das „Glückshormon“ kennen, sorgt für ein gutes Gefühl und wird mit Belohnung, Euphorie, aber auch Suchterkrankungen assoziiert. Tatsächlich stellten Zeki und Bartels bei ihren Studien fest, dass Verliebte oder Liebende im Gehirn ähnlich auf die Bilder ihrer Liebsten reagieren wie Kokainsüchtige oder Alkoholkranke auf ein Bild ihrer Droge. „Wenn man die Daten interpretiert, kann man die Liebe durchaus mit einer Obsession oder Sucht vergleichen“, sagt Andreas Bartels, der heute am Centrum für Integrative Neurowissenschaften der Universität Tübingen arbeitet.

Wie Süchtige auf Entzug reagieren nach Ansicht von Helen Fisher übrigens auch Liebende, wenn sie verlassen werden: Sie durchleiden Schmerzen, werden depressiv und versuchen intensiv, den geliebten Partner zurückzugewinnen. Denn auch bei Liebenden, die verlassen wurden, ist das Belohnungszentrum noch immer aktiv, wie Fisher kürzlich an Hirnscans von verlassenen Partnern nachweisen konnte: „Das Belohnungssystem für Begehren, für Wünsche wird aktiver, wenn wir nicht bekommen, was wir wollen“, sagt Fisher.

Das Belohnungssystem

Der Nucleus accumbens ist der Sitz des menschlichen Belohnungssystems. Es wird von Zellen im ventralen Tegmentum und mit dem Botenstoff Dopamin stimuliert und sendet Erregungspotenziale an andere Gehirnstrukturen, die Zufriedenheit und Freude auslösen. Auch bei der Entstehung von Süchten spielt das Belohnungssystem eine Rolle, genauso bei Liebe und Sex, weil neuroaktive Substanzen, wie Kokain, Heroin oder Dopamin in diese Mechanismen eingreifen.

 

Belohnungssystem

Hormone fördern soziales Lernen

Neben dem Dopamin spielen jedoch noch zwei weitere Hormone eine wichtige Rolle: Vasopressin und Oxytocin werden bei Verliebten ebenfalls verstärkt ausgeschüttet. Beide gelten als Bindungs- Hormone. Vasopressin ist in dieser Funktion bislang hauptsächlich bei Tieren untersucht worden. Dort wird ein Zusammenhang mit der Bindungsfähigkeit bei Männchen vermutet.

hormone liebe

Besser verstanden ist bereits die Funktion von Oxytocin. Das Hormon mindert Angst und Stress und trägt dazu bei, dass wir anderen Menschen vertrauen. Außerdem sorgt es für die innige Nähe von Eltern und Kindern und ist verantwortlich für die Bindung von Paaren. Es wird verstärkt ausgeschüttet, wenn Mütter ihre Kinder stillen, wenn wir angenehme Berührungen oder einen Orgasmus erleben – oder in die Augen eines geliebten Menschen schauen. Man geht davon aus, dass Oxytocin eine gewisse Lernfähigkeit auslöst, die aber spezifisch ist auf soziales Lernen. Dabei gebe es ein enges Zusammenspiel mit dem Glückshormon Dopamin: „Das Kind oder der Partner wird positiv assoziiert, löst im Gehirn eine Belohnung aus und man bindet sich an das Individuum.“

Nach welchen Kriterien wir aber die Menschen auswählen, in die wir uns verlieben, konnten die Wissenschaftler bislang noch nicht eindeutig klären. Sicher ist nur: Romantische Liebe ist ein grundlegender biologischer Mechanismus, der uns hilft, langfristige Partnerschaften einzugehen und unsere Kinder groß zu ziehen. „Liebe ist ein Bedürfnis, ein Drang wie Hunger oder Durst“, sagt Helen Fisher. „Es ist unmöglich, sie auszumerzen.“

Die Liebe – reduziert auf evolutionäre Aufgaben, Hormonschübe und Hirnaktivitäten:

Entzaubern die Forscher mit ihren Studien etwa das schönste Gefühl auf der Erde? Wir zumindest glauben weiterhin an die Magie der Liebe: „Die Empfindung wird nicht dadurch beeinträchtigt, dass man weiß, wie sie entsteht“. „Uns würde auch ein Picasso- Werk nicht weniger faszinieren, wenn wir sehen würden, wie er es gemalt hat.“