Krankheit und Stress einfach sichtbar machen

Krankheit und Stress einfach sichtbar machen

Krankheit und Stress einfach sichtbar machen

Herzfrequenzvariabilität

Als Herzfrequenzvariabilität (englisch heart rate variability, HRV) wird die natürliche Variation der Zeit zwischen zwei aufeinanderfolgenden Herzschlägen bezeichnet. Bei gesunden erwachsenen Menschen beträgt diese Variation in Ruhe ca. eine Zehntelsekunde. Die Herzfrequenzvariabilität ist ein Indikator für die Fähigkeit eines Organismus (Mensch, Säugetier), die Herzfrequenz den körperlichen und mentalen Anforderungen anzupassen. Maße für die Herzfrequenzvariabilität lassen sich statistisch im Zeitbereich als Streumaße (Mittelwert, Standardabweichung, Varianz) oder spektral im Frequenzbereich (low frequency, high frequency) ableiten; eine dritte Möglichkeit bieten nicht-lineare Methoden (z. B. Poincaré-Abbildung, Fluktuationsanalyse).

Über autonome physiologische Regulationswege passt ein gesunder Organismus die Herzschlagrate beständig momentanen Erfordernissen an. Körperliche Beanspruchung oder psychische Belastung hat deswegen in der Regel eine Erhöhung der Herzfrequenz zur Folge, die bei Entlastung und Entspannung normalerweise wieder zurückgeht. Dabei zeigt sich eine höhere Anpassungsfähigkeit an Belastungen in einer größeren Variabilität der Herzfrequenz. Unter chronischer Stressbelastung ist beides dagegen wegen der beständig hohen Anspannung, die dafür typisch ist, mehr oder weniger eingeschränkt und infolgedessen reduziert.

Übrigens ist das Zeitempfinden eine artspezifische Größe, die sich zwischen Menschen und manchen Tieren grundlegend unterscheidet – so besitzen Schnecken etwa einen Moment von 4 Reizen pro Sekunde, während Raubvögel sogar eine Gewehrkugel verfolgen können, denn sie verarbeiten etwa 100 Reize pro Sekunde. Da sich der Matrix-Effekt einer experimentelle Untersuchung verschließt, vermutet man als Ursache, dass das Gehirn in lebensbedrohlichen Situationen deshalb damit reagiert, da die Reize mit der Existenz des Betroffenen und dessen Übeleben zusammenhängen, sodass das Gehirn bzw. das neuronale System in eine Art Überlebensmodus schaltet.

EKG

Bereits im 3. Jahrhundert nach Christus erkannte der chinesische Arzt Wang Shu-he, dass ein variabler Herzschlag ein Zeichen für Gesundheit ist. Er dokumentierte dies in seinen Schriften Mai Ching (The Knowledge of Pulse Diagnosis). Da es keine Messinstrumente wie beispielsweise Stethoskop oder EKG gab, musste der Arzt sich sehr sensibel auf die Erfassung des Zusammenspiels der Körpersignale eines Patienten einstellen, um eine Krankheit daraus diagnostizieren zu können. Dass Wang Shu-he die Variabilität des Pulsschlags nicht zur Prognose verwendet hat, ist in „Von Spechten, Regentropfen und Herzschlägen … (s.u.)“ nachzulesen.

Aktuell existiert ein breites Forschungsspektrum zur Herzfrequenzvariabilität, das vorwiegend auf drei Bereiche konzentriert ist:

  • Klinischer Bereich: Risikostratifizierung und Gesundheitsprognose mit Parametern der HRV
  • Rehabilitative Medizin: klassische und nichtlineare HRV-Methoden für die Prognose- und Leistungsobjektivierung
  • Stressmedizin und Psychophysiologie: HRV-Biofeedback

Zur Leistungsdiagnostik und Belastungssteuerung wurden im Bereich der Sport- und Trainingswissenschaften neue Methoden entwickelt.

Der Abstand zwischen zwei Herzschlägen wird meistens definiert als die Zeit zwischen dem Beginn zweier Kontraktionen der Herzkammern. Dieser Beginn der Kammerkontraktion erscheint im Elektrokardiogramm (EKG) als so genannte R-Zacke. Der Abstand zwischen zwei R-Zacken wird daher als RR-Intervall bezeichnet (Es wird auch von NN-Intervallen gesprochen:

  1. um eine Verwechslung mit der Blutdruckangabe RR (nach Riva-Rocci) zu vermeiden und
  2. b) um R-Zacken zu kennzeichnen, die einer regulären, also vom Sinusknoten ausgehenden Herzerregung entstammen – im Gegensatz z. B. zu supraventrikulären und ventrikulären Extrasystolen. Das RR-Intervall lässt sich als Kehrwert in die Herzfrequenz umrechnen (60 BPM ~ 1000 ms: 60 Beats per minute ~ 1000Millisekunden RR-Abstand).

Die RR-Intervalle sind im Regelfall nicht gleich lang, sondern unterliegen Schwankungen. Die Quantifizierung dieser Schwankungen bezeichnet man als Herzfrequenz- oder Herzratenvariabilität (HRV).

Physiologie der Herzratenvariabilität

Ein Herzschlag wird beim gesunden Individuum durch einen Impuls des Sinusknotens als zentralem Taktgeber des autonomen Erregungssystems des Herzens ausgelöst. Dieses steht seinerseits unter dem Einfluss des übergeordneten vegetativen Nervensystems, wobei über den Sympathikus ein aktivierender Einfluss ausgeübt wird, der u. a. eine Erhöhung der Herzfrequenz zur Folge hat. Körperliche und psychische Belastungen gehen mit einer Steigerung der Aktivität des Sympathikus einher, während parallel dazu Körperfunktionen reduziert werden, die vom Vagus reguliert werden, wie etwa die Verdauung. Grob vereinfachend kann man sagen, dass der Sympathikus die Teilsysteme (Kreislauf, Muskulatur, Zucker) für Angriff und Flucht aktiviert, der Vagus im Gegenzug die hierfür erforderlichen Ressourcen aufbauen hilft, wenn sich der Mensch in einem entspannten Ruhezustand befindet. Äußere Einflüsse (Reize), psychische Vorgänge (Gedanken) oder mechanische Abläufe (Atmung) greifen dabei komplex ineinander, können sich dabei aber je nach eigenem Gewicht auch unterschiedlich auf den Herzschlag auswirken.

Messverfahren

Das EKG ist nach wie vor zentrales Diagnoseverfahren in der Kardiologie. Aus ihm lässt sich eine sog. Zeitreihe der RR-Intervalle bestimmen. Die Schwankung dieser Zeitreihe lässt sich mit Hilfe verschiedener Verfahren hinsichtlich ihrer Stärke, Zeitskala oder innerer Muster quantifizieren. Im Vergleich zum normalen Elektrokardiogramm, bei dem die Kurvenform diagnostische Bedeutung hat, steht bei der Messung der Herzratenvariabilität die zeitliche Auflösung der RR-Abstände im Vordergrund.

Eine einfache statistische Größe zur Bestimmung der Streuung ist die Standardabweichung der RR-Intervalle. Man unterscheidet heute drei Bereiche (Domänen), die zur Analyse der Herzfrequenzvariabilität genutzt werden:

  • Zeitbereich (z. B. Standardabweichung der RR-Intervalle)
  • Frequenzbereich (z. B. Spektrum der Herzfrequenzvariabilität)
  • nichtlinearer Bereich (z. B. Poincaré-Abbildungen).

Hinsichtlich ihrer Zeitskala lassen sich die Schwankungen der Herzfrequenz durch Verfahren der Spektralanalyse näher charakterisieren. In jüngerer Zeit werden auch komplexe empirische Parameter, wie z. B. die fraktale Dimension herangezogen.

Die Spektralanalyse ist ein sehr genaues Verfahren zur Feststellung der Frequenzanteile, aus denen sich die Variabilität der Herzfrequenz zusammensetzt. Sie gibt beispielsweise Auskunft über die Kopplung von Atmung und Herzschlag (also deren Kohärenz) im entspannten Zustand. Sind Atmung und Herzschlag gut gekoppelt, ergibt die Spektralanalyse einen eindeutigen Peak (Spitzenwert). Das betreffende Mess-Spektrum wird in der HRV-Forschung in drei Frequenzbänder aufgeteilt, VLF (very low frequency), LF (low frequency, mitunter auch als MF (middle frequency) bezeichnet) und HF (high frequency), teilweise zuzüglich eines vierten Frequenzbandes: ULF (ultra low frequency). Diese Frequenzen repräsentieren

Eine weitere Darstellungsform der Herzratenvariabilität ist das Histogramm. In einem Verlaufsdiagramm einer Biofeedback-Messung wird gezählt, wie viele der Herzschläge in eine bestimmte Klasse fallen. Bei größerer HRV verteilen sich die Herzschläge gleichmäßig über möglichst viele Klassen. Unter starker Belastung verschiebt sich die vegetative Balance und die HRV schränkt sich auf wenige Klassen ein.

Bedeutung

Da die Herzratenvariabilität ihren Ursprung in der Funktion des vegetativen Nervensystems hat, lassen sich prinzipiell Krankheiten erkennen, bei denen es zu Auswirkungen auf den Herzschlag kommt. Dabei sind Erkrankungen zu unterscheiden, die direkt das autonome Nervensystem schädigen, und Krankheiten, die sich etwa über dauerhaft erhöhte Stoffwechselbeanspruchungen indirekt auf das autonome Nervensystem auswirken.

Ein Beispiel für die erste Gruppe von Krankheiten ist die diabetische Neuropathie, eines aus der zweiten Gruppe die koronare Herzkrankheit. Auch psychische Erkrankungen können über eine Erhöhung des Katecholaminspiegels (Adrenalin, Noradrenalin) und die Sympathikusaktivierung erkennbare Folgen auf die Herzaktivität haben; die Herzfrequenzvariabilität kann daher auch im Bereich der Neuropsychiatrie zu diagnostischen Zwecken herangezogen werden.

 

HRV in Stressmedizin und Psychophysiologie

In den letzten Jahrzehnten wurden verschiedene Biofeedback-Techniken und -Geräte entwickelt, um die Variabilität der Herzfrequenz zu messen. Dabei wurde besonderes Gewicht auf die Messung der Koppelung von Herz und Atmung gelegt, um so den Grad der Kohärenz bzw. Synchronisation von Herzrhythmus und Atemfrequenz bestimmen zu können.

Synchronisation und chaotischer Verlauf von Atemrhythmus und Herzfrequenz sind bei diesen Biofeedback-Verfahren bildlich oder akustisch darstellbar. Die Messung des Pulses erfolgt dabei mit Hilfe eines Brustgurtes oder eines Ohrclips, wobei die Daten dabei auf spezielle Weise ausgewertet werden.

Festgestellt wurde, dass bei so komplexen Reaktionen wie Liebe oder Dankbarkeit, die mit der emotionalen Reaktion der Freude verbunden sind, eine messbare Synchronisation der Rhythmen von Herz und Atmung (Respiratorische Sinusarrhythmie) erfolgt. Diese Balance zwischen Atmung und Herzschlag verschwindet jedoch bei Reaktionen wie Hetze („Stress“), Ärger oder Angst, die mit vermehrter Ausschüttung von Stresshormonen einhergehen. Einige Studien sowie Übersichtsarbeiten und Metaanalysen weisen darauf hin, dass die Herzfrequenzvariabilität psychisch Kranker niedriger ist als psychisch gesunden Personen.

Von den USA ausgehend werden in den letzten Jahren zunehmend Forschungen unternommen um festzustellen, inwieweit Kohärenz von Herz und Atmung trainierbar ist, und welche Therapieerfolge mit unterschiedlichen Settings erreicht werden können. Dabei werden Biofeedback-Techniken eingesetzt und in verschiedenen Variationen das emotionale Erleben der Trainees zusätzlich oder alternativ gezielt zu beeinflussen gesucht. Dabei werden spezielle musikalische Kompositionen eingesetzt, Atemtechniken, Achtsamkeitsübungen, Tranceinduktionen oder gelenkte Imaginationen mit Konzentration auf Herz und Atmung in Verbindung mit der Aktivierung besonders positiver, etwa liebevoller Reaktionen.

Das HRV-Biofeedback wird als Coaching-Methode oder komplementärmedizinische Methode schon länger in der verhaltenstherapeutisch orientierten Psychotherapie genutzt. Nach Studien in den USA sind dadurch Depressionen, Herzerkrankungen, Asthma, Angststörungen und Schlaflosigkeit günstig beeinflussbar. Die Verbesserung der Kohärenz von Atmung und Herz kann auch beim Abbau von Anspannungen helfen, bei der Bewältigung von Stress und Angst, und dazu beitragen, im Alltag gelassener zu reagieren.

HRV-Biofeedback wird seit einiger Zeit in der betrieblichen Gesundheitsförderung eingesetzt.

Laut einer 2017 veröffentlichten Studie kann HRV-Biofeedback auch angewandt werden, um die Leistungsfähigkeit von Sportlern zu verbessern. Die Autoren erwähnen aber auch den Bedarf an weiteren Studien.

Auch bei Patienten, die an Atemnot, Müdigkeit oder Ödemen und zusätzlich unter Ängsten und Depressionen litten, half ein sechswöchiges Herzfrequenzvariabilitäts-Training.

HRV-gesteuertes Training im Spitzensport

Im Spitzensport wird in zunehmendem Maße die Trainingsbelastung mit HRV kontrolliert und gesteuert, um Überbelastungen zu vermeiden. So haben z. B. die vier neuseeländischen Ruderweltmeister 2015 ihr Training in den intensiven Phasen vor der Weltmeisterschaft mit HRV von Tag zu Tag periodisiert. Hierbei haben sie als Bezugsgröße den rMSSD (root mean square of successive differences = quadratischer Mittelwert der Differenzen aufeinanderfolgender R-R-Intervalle) herangezogen. Hierdurch kann rechnerisch die Wirkung einzelner Ausreißer minimiert werden. Da Ausdauersportler in der Regel bereits einen sehr niedrigen Ruhepuls haben, wird auch dem Einfluss des Parasympathikus Rechnung getragen.

Milgram oder eine höhere Form des Tötens

Milgram oder eine höhere Form des Tötens

Milgram Experiment

Eines der bekanntesten, aber auch sowohl aus ethischen als auch aus versuchstechnischen Gründen umstrittensten Experimente der Psychologie ist das sogenannte Milgram-Experiment. Die Frage, die der Sozialpsychologe Stanley Milgram in den 60er Jahren beantworten wollte, bezog sich auf die Bereitschaft ganz normaler Menschen, sich einer Autorität zu beugen und offensichtlich „unmenschliche“ Anordnungen zu befolgen. Die Motivation für diese Experimentalreihe lieferten die Ereignisse des 2. Weltkriegs.

Wieso waren unter dem NS-Regime so viele Menschen bereit, sich in den Dienst der Tötungsmaschinerie der Nazis zu stellen? Lag es an einem grundsätzlichen Charakterfehler dieser Menschen oder gibt es Situationen und Umstände, unter denen möglicherweise jeder in der Lage wäre, andere Menschen zu quälen und zu töten?

Die Yale University inserierte Anfang der sechziger Jahre in der Lokalzeitung von New Haven im US-Staat Connecticut, dass sie Probanden sucht, die bereit sind, an einem Experiment über Erinnerungsvermögen und Lernfähigkeit teilzunehmen. Daß es sich dabei nur um einen Vorwand handelt, um zu untersuchen, inwieweit sich Menschen einer Autorität unterwerfen, ahnen die (nicht-studentischen) Teilnehmer allerdings nicht. Die Freiwilligen werden durch den Versuchsleiter mit ihren Rollen in diesem Experiment vertraut gemacht.

Es nehmen jeweils zwei Versuchspersonen an einem Experiment teil. Der Versuchsleiter erläutert den Probanden, daß untersucht werden soll, welche Auswirkungen Bestrafung auf das Lernen hat. Dazu werden die Teilnehmer durch Ziehen von Losen in Schüler und Lehrer unterteilt. Dieses Losverfahren ist allerdings manipuliert, da in Wahrheit immer nur ein Proband an dem Experiment teilnimmt. Er wird der Lehrer. Die andere Person, die am Experiment teilnimmt, der Schüler, ist ein Student der Universität, was der Proband jedoch nicht weiß. Der Versuchsleiter wurde von einem 31jährigen Biologielehrer einer Highschool gespielt, das Opfer spielte ein siebenundvierzigjähriger Buchhalter, der für diese Rolle ausgebildet war; er war irisch-amerikanischer Abstammung, die meisten Beobachter fanden ihn freundlich und liebenswürdig. Der Versuchsleiter erläutert nun das Experiment. Der Test beinhaltet, daß der Lernende eine Liste von Assoziationspaaren auswendig lernen soll und sein Partner, der Lehrer, wird ihn überprüfen. Man zeigt den Versuchsteilnehmern einen „Schockgenerator“ mit einer Instrumententafel. Auf dieser befinden sich dreißig Kippschalter. Diese Schalter sind aufsteigend angeordnet und gehen von 15 Volt („leichter Schock“) über mittlerer und schwerer Schock bis zu einer Voltstärke von 450 Volt.

Um das den Probanden zu verdeutlichen, war am Generator eine Plakette mit der Aufschrift „SHOCK GENERATOR, TYPE ZLB, DYSON INSTRUMENT COMPANY, WALTHAM, MASS., OUTPUT 15 VOLTS-450 VOLTS“ befestigt, die Kippschalter waren mit Voltzahlen von 15 bis 450 Volt beschriftet. Zusätzlich waren zu je vier Schaltern die Aufschriften „Leichter Schock“, „Mäßiger Schock“, „Mittlerer Schock“, „Kräftiger Schock, „Schwerer Schock“, „Sehr schwerer Schock“ sowie „Gefahr: Bedrohlicher Schock“ angebracht, die letzten beiden Schalter trugen die Aufschrift „XXX“. Die Aufgabe des Lehrers besteht nun darin, jedes Mal wenn der Schüler eine falsche Antwort gibt, die jeweiligen Schalter mit den sich steigernden Elektroschocks zu betätigen. Nach dieser Erläuterung folgt der Lehrer dem Versuchsleiter und seinem Assistenten in einen anderen Raum, wo ein elektrischer Stuhl aufgebaut ist. Der Schüler nimmt auf dem Stuhl Platz und wird an ihn gefesselt. Elektroden werden angeschlossen und mit dem Generator verbunden. An diesem Punkt des Experiments gibt der Lernende zu bedenken, daß er ein schwaches Herz habe. Der Versuchsleiter beruhigt den Mann mit der Aussage, dass die Schocks zwar äußerst schmerzhaft sein können, allerdings nicht zu dauerhaften Gewebeschäden führen. Wie bereits erwähnt, weiß der Lernende, daß er sich keine Sorgen zu machen braucht. Er ist der Assistent des Versuchsleiters, und die Wahl, wer Lehrer und wer Schüler wird, ist manipuliert. Selbstverständlich ist der Lernende auch nicht tatsächlich mit dem Stromgenerator verbunden, da es sich bei dem vermeintlichen Schockgenerator um ein Attrappe handelt. Von all dem ahnt die eigentliche Versuchsperson, der Lehrer jedoch nichts. Man hat ihm sogar einen Probeschock von 45 Volt zugemutet. Er ist also fest davon überzeugt, dass das Opfer im Nebenraum tatsächlich mit Stromstößen bestraft wird. Er hört, daß der Schüler jedes Mal, wenn er ihn bestraft, reagiert, als würden ihm tatsächlich Schmerzen zugefügt. Der Proband weiß nicht, daß es sich bei diesen Reaktionen um vorher aufgezeichnete Tonbandaufnahmen handelt und daß die Antworten des Schülers standardisiert sind. Nun beginnt das eigentliche Experiment. Der Lernende antwortet zu Anfang mehrmals richtig und einige Male falsch. Bei jedem Fehler bedient der Lehrer ordnungsgemäß den nächsten Knopf und bestraft somit seinen Schüler mit vermeintlich immer stärkeren Stromstößen. Beim fünften Schock angelangt (75 V), beginnt der Schüler zu stöhnen und zu klagen. Bei 150 Volt bittet das Opfer darum, das Experiment abzubrechen und bei 180 Volt schreit es, daß es den Schmerz nicht mehr aushalten könne. Nähert sich das Experiment dem Punkt, an dem der mit „Gefahr: Extremer Stromstoß“ gekennzeichnete Knopf vom Lehrer betätigt werden muß, hört er das Opfer im Nebenraum an die Wand hämmern. Der Schüler fleht regelrecht darum, daß man ihn aus dem Nebenraum befreien möge. Der Versuchsleiter erläutert dem Probanden, daß es sich bei dieser Reaktion natürlich um eine falsche Antwort handle und fordert den Lehrer auf, den nächsten Schalter mit der entsprechend höheren Voltzahl zu betätigen. Die Probanden dieses Experiments setzten sich aus einer Zufallsstichprobe wie folgt zusammen: 40% ungelernte und angelernte Arbeiter 40% Angestellte aus Handel und Gewerbe und 20% aus Fachberufen. Natürlich reagierten die Versuchspersonen auch emotional auf die offenkundige Notlage ihrer Opfer. Einige protestierten, andere schwitzten, zitterten, begannen zu stottern oder zeigten andere Zeichen der Anspannung. Dennoch gehorchten sie den Anweisungen des Versuchsleiters. Auffällig am Verhalten der Probanden war, daß sie häufig versuchten, ihr Opfer so wenig wie möglich wahrzunehmen und ihre Aufmerksamkeit ausschließlich auf den Versuchsleiter zu richten versuchten. Das geschah vermutlich, um die inneren Spannungen, die durch die wahrgenommenen Schmerzen des Opfers hervorgerufen wurden zu mildern, durch ein geschicktes Anpassungsverhalten die Situation zu ertragen. Dieses Phänomen bezeichnete Milgram als „Einstimmung auf die Autorität“.

Einige TeinehmerInnen bestritten, daß das Opfer tatsächlich schmerzhafte Schocks erhielt und viele leugneten einfach ihre Verantwortlichkeit, manche verlangten zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Experiments zusätzlich eine Versicherung, dass sie für ihre Handlungen nicht haftbar gemacht werden können. Oder die Verantwortung wurde mit der Begründung auf das Opfer übertragen, daß es sich ja freiwillig gemeldet habe. Einige Vpn versuchten Spannungen zu reduzieren, indem sie zwar gehorchten, jedoch versuchten, die Schmerzen für das Opfer so gering wie möglich zu halten, indem sie den Schockgenerator nur kurz antippten oder indem sie dem Schüler die richtige Antwort durch überdeutliches Sprechen, zu verraten suchten. Die große Mehrheit seiner Versuchspersonen, mehr als 62 Prozent, gingen bis zum Ende der Skala (450 Volt), auch wenn einige Versuchspersonen durch vier sich steigernde Aufforderungen des Versuchsleiters (Bitte fahren sie fort! – Bitte machen sie weiter! – Das Experiment erfordert, daß sie weitermachen! – Sie müsse unbedingt weitermachen! – Sie haben keine Wahl, Sie müssen weitermachen!) dazu verbal gedrängt werden mußten:

Viele Versuchspersonen waren zwar der Überzeugung, sie sollten dem Schüler keine weiteren Schocks versetzten, konnten dies aber nicht in die Tat umsetzen. Vermutlich müßten sie sich im Falle eines Abruchs eingestehen, daß ihr vorheriges Verhalten falsch gewesen war. Allein dadurch, dass sie weitermacht, rechtfertigt sie ihre vorherige Handlungsweise. Somit ist dieser Wiederholungscharakter bereits ein Bindungsfaktor, der es der Versuchsperson erschwert, ungehorsam zu sein. Ein Abbruch des Experiments hätte, da die Probanden ja bezahlt wurden, auch den Charakter eines Vertragsbruchs, der nicht leichtfertig begangen wird. Milgram weist darauf hin, daß eine soziale Situation auch über die Selbsteinschätzung der Beteiligten definiert ist, die von den anderen Beteiligten respektiert werden muß. Das bedeutet, dass die Gehorsamsverweigerung auch aus dieser Perspektive ein soziales Mißverhalten darstellt, da es nicht möglich ist, die Schockverabreichung zu verweigern, ohne die Selbstdefinition des Versuchsleiters in Frage zu stellen.

Nach Beendigung des Experiments fand mit jeder Versuchsperson ein aufklärendes Gespräch statt, indem ihr gesagt wurde, da das Opfer keine Elektroschocks erhalten hatte. Jede hatte Gelegenheit zur Aussöhnung mit dem Opfer und zu einem ausführlichen Gespräch mit dem Versuchsleiter. Den ungehorsamen Probanden wurde das Experiment in einer Weise erklärt, die ihren Ungehorsam positiv bewertete, bei den gehorsamen wurde betont, dass ihr Verhalten und ihre Reaktionen normal gewesen seien. Nach Abschluss der Versuchsreihe erhielten die Teilnehmer einen ausführlichen Bericht, sowie einen Fragebogen, indem sie erneut ihre Gedanken und Gefühle bezüglich ihrer Teilnahme des Experiments ausdrücken konnten. Milgrams Experiment wurde vielfach wiederholt und in allen Fällen ließ sich ein signifikantes Maß an Gehorsam feststellen. So wurde das Experiment z.B. in Australien, Jordanien, Spanien und Deutschland wiederholt. Überall reagierten die Menschen ähnlich wie in Milgrams Versuch. Des weiteren zeigte es sich, dass Frauen sich ebenso gehorsam verhalten wie Männer. Milgram wurde für dieses Experiment heftig kritisiert. Man warf ihm vor, dass er die Regeln der Ethik in der psychologischen Forschung aufs Schwerste verletzt habe. Er habe den Versuchspersonen geschadet, indem er ihnen ein Stück Selbsterkenntnis aufzwang, das bei einigen der Probanden ein Trauma hinterlassen könnte. Einmal ganz davon abgesehen, dass die Versuchspersonen schlichtweg getäuscht worden sind. Milgram stellte dem entgegen, dass in Nachbefragungen 83,5 Prozent der gehorsamen Versuchspersonen und 83,3 Prozent der Ungehorsamen angaben, sie seien froh, an dem Experiment teilgenommen zu haben.

Erweiterungen und Replikationen des Experiments:

In einer Erweiterung des Experiments hat Milgram später gezeigt, dass der Anteil der bedingungslos gehorchenden Probanden drastisch abnimmt (auf 10 %), wenn sie zwei weitere „Lehrer“ an ihrer Seite haben und diese dem Versuchsleiter Widerstand entgegen setzen (Milgram 1965). Hinzu kommt, dass die Autorität des Versuchsleiters in diesen Studien von einem Wissenschaftler eines angesehenen Instituts der Yale Universität ausging. Was sozusagen per se eine Interpretation der Versuchsteilnehmer zuließ, an einem bedeutenden wissenschaftlichen Experiment bzw. an einer bedeutenden wissenschaftlichen Fragestellung mitzuwirken. Milgram selbst belegte diese Annahmen durch eine weitere Modifikation der Baseline seines Experiments. Er führte eine Reihe von Einzelstudien durch, in denen er die Gehorsamsbereitschaft seiner Versuchspersonen gegenüber eines Mitarbeiters der Yale Universität mit dem Gehorsam gegenüber eines Wissenschaftlers, dessen Arbeitsplatz sich in einem verwahrlosten Bürogebäude eine Geschäftsviertels in Bridgeport (Connecticut) befand, verglich. In dieser vergleichenden Studie stellte Milgram fest, daß in dem Experiment des Wissenschaftlers der Yale Universität 65 % der Versuchspersonen absoluten Gehorsam leisteten, während es in dem in Bridgeport durchgeführten Experiment 48 % waren. Daraus lässt sich folgern, daß fehlendes Ansehen auch die Bereitschaft zum Gehorsam reduziert. In einer weiteren Abwandlung des Experiments untersuchte Milgram, was geschah, wenn der Versuchsleiter in letzter Minute durch eine Ersatzperson ersetzt wurde. Nachdem dem Lehrer seine Rolle in dem Experiment erläutert worden war (allerdings noch bevor dem Probanden die Höhe der E-Schocks bekannt war), rief man den Versuchsleiter durch ein fingiertes Telefonat aus dem Labor. Ein anderer Teilnehmer (ein Gehilfe des Versuchsleiters) übernahm seine Rolle. Dieser Ersatzmann tat nun so, als wäre es seine Idee, die Elektroschocks nach jedem Fehler des Schülers zu erhöhen. Ansonsten verhielt sich der Ersatzmann ebenso wie der Versuchsleiter. Er bedrängte den Lehrer ebenso, mit den Elektroschocks weiterzumachen, wie es auch der Versuchsleiter getan hätte. In dieser Variante des Experiments sank die Zahl der absolut gehorsamen Versuchspersonen auf 20 Prozent. Damit war bewiesen, daß eine ausreichend legitimierte Autorität ein hohes Maß an Gehorsam den einzelnen Personen abverlangen kann, nicht jedoch eine beliebiger Mensch, der in die Rolle einer solchen Autoritätsfigur zu schlüpfen versucht. In weiteren Varianten des Experiments stellte Milgram fest, daß die Anzahl der absolut gehorsamen Versuchspersonen auf 25 Prozent sank, sobald der Versuchsleiter sich außerhalb des Raumes befand und seine Anweisungen per Telefon gab. Hinzu kam, daß einige Probanden, die das Experiment zwar fortsetzten, anfingen zu mogeln. Dies äußerte sich z.B. dadurch, daß sie dem Schüler schwächere E-Schocks verabreichten als das Experiment es eigentlich vorgab. Sie dachten auch nicht daran, dies dem Versuchsleiter etwa mitzuteilen und so zu verdeutlichen, daß sie von dem vereinbarten Verfahren abgewichen waren. Sie versuchten dadurch einerseits, den Anforderungen des Versuchsleiters gerecht zu werden und konnten andererseits ihren inneren Konflikt auflösen, indem sie die Schmerzen, die sie einem anderen Menschen zufügten, so gering als nur möglich zu halten. Das Gefühl, verantwortlich für das eigene Handelns zu sein, nimmt auch ab, wenn man sich als Teil einer größeren Maschinerie sieht. Milgram wies dies mit einer weiteren Variante seiner Versuchsparadigmen nach. In dieser Variante des Experiments waren es zwei Lehrer, die einen Schüler unterrichteten. In diesem Fall war der zweite Lehrer die echte Versuchsperson. Ihre Aufgabe war es, die Aufgaben zu verlesen und die Richtigkeit der Antworten zu überprüfen. In einer solchen Konstellation waren es 92,5% der Versuchspersonen, die den anderen Lehrer, also den, der die Elektroschocks ausführte, nicht daran hinderte, die maximalen Stromstöße zu verabreichen. Auch in der australischen Replikation von Wesley Kilham und Leon Mann machten die Versuchspersonen in der Helferrolle signifikant häufiger bis zum Ende mit als im Standardexperiment. Die Gehorsamsbereitschaft war allerdings deutlich niedriger als in der von Milgram durchgeführten Untersuchung. In einer weiteren Abwandlung des Experiments stellte Milgram fest, dass seine Versuchspersonen eher bereit waren, den Anweisungen des Versuchsleiters zu folgen, je weiter sie von ihrem Opfer entfernt waren. Hatten die Versuchspersonen Augenkontakt zu ihrem Schüler, waren nur 40 Prozent bereit, das Experiment fortzuführen, während es noch 62 Prozent waren, wenn sie „nur“ die Schreie ihres Opfers hören konnten. Ähnlich verhielt es sich mit Versuchspersonen, die aufgefordert worden waren, den Arm des Schülers auf die stromführende Platte herunterzudrücken, anstatt den weiter entfernten Schockgenerator zu benutzen.
Jerry Burger (2009) von der Universität in Santa Clara/Kalifornien musste lange mit dem „institutional review board“ seiner Universität verhandeln, bis er die Erlaubnis zu seinem „Replicating Milgram“-Experiment bekam. Der Versuchsaufbau wurde modifiziert, indem die Obergrenze für den höchsten scheinbaren Stromstoß auf 150 Volt begrenzt wurde und auch der Probestromstoß an die Probanden betrug nur 15 Volt. Die TeilnehmerInnen wurden über Zeitungsanzeigen, Faltblätter oder das Internet gesucht und ihnen für zwei 45-Minuten- Experimente insgesamt 50 Dollar versprochen. Der Leiter des Experiments erläuterte ihnen, dass die Auswirkung einer Strafe auf das Lernen untersucht werden solle. Dem Probanden wurde stets die Rolle des Lehrers zugewiesen und der „Schüler“ sollte sich 25 Wortpaare merken. Im Gegensatz zum letzten Mal wurden auch Frauen für das Experiment angeworben. Burger prüfte, dass Teilnehmer weder Psychologie studiert hatten noch das Milgram-Experiment kannten. Auch Menschen mit psychischen Erkrankungen waren ausgeschlossen. 29 Männer und 41 Frauen wurden ausgewählt, an dem Experiment teilzunehmen. Bei Milgram befanden sich nur der Proband und der Studienleiter im Raum, während im Versuchsaufbau von Burger noch eine dritte Person im Raum anwesend war. Diese Person zeigte sich erschüttert über das Experiment, sobald aus dem Nachbarraum das erste Stöhnen (bei 75 Volt) zu hören war. Doch das hielt die wenigsten Probanden davon ab, den Anweisungen des Studienleiters zu gehorchen. Am Ende waren 63,3 Prozent bereit mehr als 150 Volt zu applizieren. Ohne den „Bedenkenträger“ waren es 70 Prozent, kaum weniger als im Originalexperiment von Milgram (82,5 Prozent). Für Burger zeigen die Experimente, dass die Ergebnisse von Milgram zeitlos sind. Frauen erwiesen sich als ebenso folgsam wie Männer. Was Burger ein wenig bestürzt, ist die Tatsache, dass auch die Anwesenheit des Bedenkenträgers die Teilnehmer nicht dazu brachte, stärker ihrem Gewissen zu folgen.

Identifikation stärker als Obrigkeitshörigkeit? Neuere Studien in der Nachfolge Milgrams von Reicher et al. (2012) zum Gehorsam zeigen, dass Obrigkeitshörigkeit möglicherweise gar nicht die entscheidende Einflussgröße für den Ausgang der Versuche gewesen war, sondern die Identifikation mit dem Studienleiter, der die Befehle gab, das Prozedere fortzusetzen. Befragungen von Sozialpsychologen und Studenten zu verschiedenen Varianten des Milgram-Experiments legen nämlich die Vermutung nahe, je mehr sich Probanden mit dem Studienleiter identifizieren konnten, desto eher waren sie gewillt, seinen Befehlen zu folgen. Verzögerte Wahrnehmung bei fremdinduzierter Bestrafung Wer anderen auf Befehl schadet, beruft sich gern darauf, dass er sich dafür nicht verantwortlich fühlt, wobei in einer neuen Studie gezeigt werden konnte, dass das Gehirn eigene Taten tatsächlich anders verarbeitet, als wenn sie auf eine Anordnung hin ausgeführt werden. Caspar et al. (2016) hatten sich gefragt, ob das Herausreden nach Taten, die anderen schaden, nur eine Ausrede ist, um sich vor Strafen zu schützen, oder ob sich Menschen dann tatsächlich weniger verantwortlich fühlen. Zwei Probanden saßen in einem dem Milgram-Experiment ähnlichen Versuch einander gegenüber und konnten einander Stromstöße verabreichen, sie wechselten einander in den Rollen ab und erhielten für jede Schädigung des anderen Geld. Ob sie schädigten, konnten sie in der einen Variante des Experiments selbst entscheiden, in der anderen half eine Autorität nach. Dabei ging es um den sense of agency, also darum, ob man sich für sein Handeln verantwortlich fühlt oder die Verantwortung delegiert. Dabei verrät der zeitliche Abstand der Wahrnehmung von Tat und Ergebnis auf der Ebene des EEG, wie direkt man die Folgen eigener Taten wahrnimmt. Wer freiwillig dem anderen etwas antat, um zu Geld zu kommen, sah Tat und Ergebnis zeitlich enger zusammen, und zwar im Abstand von 370 Millisekunden. Wer es unter Befehl tat, entlastet sich dabei durch verzögerte Wahrnehmung, denn der Abstand betrug in diesem Fall 437 Millisekunden. Im EEG zeigte sich, dass die Verarbeitung der Konsequenz im Gehirn beim Ausführen eines Befehls abgeschwächt war, verglichen mit der eigenen Entscheidung. Tut man also etwas mit schlechten Folgen, nimmt man es nicht so schnell wahr, d. h., man entkoppelt sich von der eigenen Aktivität. Wie schon frühere Studien zeigten, sind ereignisbedingte Potenziale stärker ausgeprägt, wenn ein Proband aus freiem Willen handelt, sodass nun in dieser Untersuchung bestätigt wurde, dass Zwang diesen Ausschlag des ereignisbedingten Potenzials reduziert. Handlungen unter Befehl werden daher von den Menschen so erlebt, als wenn sie passiv wären, denn das Gehirn scheint durch Zwang in eine Art passiven Modus umzuschalten und teilweise das spontane Verantwortungsgefühl zu verändern. Zwang reduziert offenbar basal jene Prozesse im Gehirn, die normalerweise die Wahrnehmung des eigenen Handelns und die daraus folgenden Konsequenzen miteinander verknüpfen. Keinesfalls können diese Forschungsergebnisse als Legitimation dafür gelten, etwa in Bezug auf eine kriminelle Handlung nur Befehle ausgeführt zu haben, denn obwohl sich Täter subjektiv als weniger verantwortlich empfinden, müssen vernunftbegabte Menschen wissen, dass sie für die Folgen ihres Tuns verantwortlich sind, unabhängig davon, ob sie das so empfinden oder nicht.

Vordrängen in der Schlange – ein anderes Milgram-Experiment Stanley

Milgram hat nicht nur dieses berühmte Experiment zum Gehorsam durchgeführt, sondern auch jenes zu sozialen Normen beim Schlangestehen. Milgram et al. (1986) ließen Assistenten in verschiedenen Warteschlangen dreist vordrängeln, d. h., diese reihten sich mit den Worten der Entschuldigung vor der vierten Person in die Schlange ein und zogen sich nach einer Minute wieder zurück, sofern sie nicht schon vorher vertrieben worden waren. Interessanterweise waren die Wartenden überwiegend tolerant, denn nur in zehn Prozent der Fälle versperrten sie dem Eindringling den Weg, lediglich in der Hälfte der Fälle protestierte überhaupt jemand, meist nur mit einer resignierenden Geste oder einem bösen Blick. Gesellte sich jedoch ein zweiter Vordrängler dazu, dann stieg der Protest auf über neunzig Prozent. Offenbar tolerieren Menschen einen Abweichler von der Norm, mehrere Abweichler jedoch nicht. Menschen versuchen eher andere vor Schmerzen zu bewahren als sich selber! Stanley Milgram hatte in seinen Experimenten vor allem gezeigt, wie sehr Menschen dazu bereit sind, anderen Schaden zuzufügen, wenn eine Autoritätspersonen ihnen erklärt, dass dieses Verhalten gerechtfertigt sei und einer guten Sache diene. Lengersdorff et al. (2020) haben nun ein Experiment mit Elektroschocks durchgeführt, wobei es ihnen aber nicht darum ging, die Autoritätshörigkeit zu überprüfen, sondern das prosoziale Verhalten, also die Neigung, etwas zum Nutzen anderer zu tun. In dieser Studie mussten die Versuchspersonen wiederholt zwischen zwei Symbolen wählen. wobei eines der beiden sehr oft einen schmerzhaften Elektroschock auslöste, während das andere nur selten zu einem Schmerz führte. Durch wiederholtes Ausprobieren sollten die Versuchspersonen lernen, durch welche Auswahl sie die Anzahl der schmerzhaften Schocks reduzieren konnten. Im ersten Teil der Versuche mussten die Versuchspersonen diese Entscheidungen treffen, um für sich selbst Elektroschocks zu vermeiden, im zweiten Teil hingegen mussten sie die Entscheidungen für einen zweiten Versuchsteilnehmer treffen, den sie vor dem Experiment kennengelernt hatten. Im Schnitt erwiesen sich die Probanden als effizienter beim Vermeiden von Stromstößen, wenn diese anderen Studienteilnehmern drohten, wobei die Probanden sensibler zwischen dem besseren und dem schlechteren Symbol unterschieden, wenn ihre Auswahl einen Mitmenschen betraf. Auch in deren Gehirn spiegelte sich dies in einer erhöhten Aktivität im ventromedialen präfrontalen Cortex wider, jenem Gehirnareal, das unter anderem für die Bewertung von Umweltreizen und Handlungsoptionen zuständig ist. Zudem kommunizierte dieses Hirnareal während Entscheidungen für die andere Person verstärkt mit dem rechten temporoparietalen Cortex, das für soziale Kognitionen verantwortlich ist wie der Perspektivenübernahme. Prosoziale Entscheidungen könnten daher durch ein Zusammenspiel von Gehirnregionen entstehen, die einerseits Bewertungsprozesse, andererseits auch soziale Informationen verarbeiten. Man schließt aus den Ergebnissen, dass prosoziales Verhalten spontan auftreten kann. Menschen sind offenbar besser darin, andere vor Schmerzen zu bewahren, als sich selbst zu schützen, was letztlich bedeutet, dass Menschen nicht immer egozentrisch handeln.

Der Sinn im Leben

Der Sinn im Leben

Als Menschen haben wir es selbst in der Hand. Wir erschaffen Sinn, indem wir unser Leben leben. Und dieser Sinn ist real. Wir dürfen optimistisch sein. Wir sind keine bloße Halluzination in unserem Kopf, wir sind die Welt, die wir erfahren und auf vielfältige Weise mitgestalten. Die Konsequenzen für unser Lebensgefühl sind groß. In Harmonie mit der Welt um uns herum zu handeln ist unbedingt erforderlich, denn diese Welt sind wir. Was auch immer wir in der Welt bewegen oder hervorbringen, ist ein Teil von uns. Die Erkenntnis, dass wir die Welt sind, die wir gestalten und erleben, hat Implikationen auf unser Verhalten. Es gibt uns unter anderem ein rationales Argument, altruistisch zu sein und eine ökologisch ausgerichtete Lebensform zu verfolgen.
Sinn des Lebens
Für alle, die in eine Sinnkrise geraten sind hier vorab eine Ermunterung: da sich Sinn im Handeln erweist, liegt er in unserer Hand. Sobald wir Dinge tun und Ziele verfolgen, die uns wertvoll erscheinen, tritt unser Grübeln automatisch in den Hintergrund – bestenfalls verschwindet es ganz. Die Welt mitzugestalten, sei es im Kleinen oder im Großen, bedeutet Sinn zu schaffen. Man spürt es im Grunde selbst. Wenn man Dinge tut und Ziele verfolgt, die einem liegen hört die Sinnfrage auf, einen zu beschäftigen. Sie wird hinfällig. Und genauso sollte es sein.

Joghurt hat mehr Kultur als manches Unternehmen

Joghurt hat mehr Kultur als manches Unternehmen

Joghurtkultur

Der Unterschied zwischen Joghurt und Unternehmen ist: Joghurt hat bisweilen die lebendigere Kultur. Ich glaube, es gibt keinen Manager, der nicht irgendwann die hervorragende Unternehmenskultur in seiner Firma gepriesen oder zumindest beschworen hat, in dem Sinne, dass sie besser werden möge. Und natürlich hört sich das auch prima an: Kultur – das klingt nach einem atmenden Organismus, nach Leben in der Bude, nach Entwicklung, Fortschritt, Rambazamba, lauter positivem Zeugs eben. Uns macht das immer stutzig. Denn oft ist das seelenwunde Geschwurbel von der Unternehmenskultur nichts weiter als eben das: seelenwundes Geschwurbel. Blutleer. Wenn nicht gar glatt gelogen…

  • Unternehmenskultur: Eine (Schein-)Definition
  • Bedeutung einer Unternehmenskultur
  • Unternehmenskultur entwickeln: Führung kommt zentrale Rolle zu
  • Unternehmenskultur verändern, aber wie?

 

Unternehmenskultur: Eine (Schein-)Definition

Würden wir an dieser Stelle Bullshit-Bingo spielen, stünden die Chancen gut, dass nach dem Abhaken der „Unternehmenskultur“ bald auch der Begriff „Humankapital“ fallen würde, (na wenigstens nicht Menschenmaterial!), „Wertvoll“ vermutlich ebenso. Die Rede von der Unternehmenskultur gleicht oft einem puren Lippenbekenntnis. Entweder, weil diese in der Realität gar nicht existiert. Oder ganz anders.

Das soll jetzt gar kein Manager-Bashing werden. Ich glaube, dass sich Führungskräfte schlicht schwer damit tun, eben jene Unternehmenskultur überhaupt erst einmal zu definieren, bevor sie diese etablieren können.

Oder konkret gefragt: Was ist das überhaupt, eine Unternehmenskultur?

Wikipedia definiert den Begriff „Kultur“ beispielsweise so:

Kultur (zu Lateinisch cultura, „Bearbeitung“, „Pflege“, „Ackerbau“, von colere, „wohnen“, „pflegen“, „den Acker bestellen“) ist im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt. Je nachdem drücken sich in [dem Begriff] das jeweils lebendige Selbstverständnis und der Zeitgeist einer Epoche aus, der Herrschaftsstatus oder -anspruch bestimmter Klassen oder auch wissenschaftliche und philosophisch-anthropologische Anschauungen. Der Begriff kann sich auf eine enge Gruppe von Menschen beziehen, denen allein Kultur zugesprochen wird, oder er bezeichnet das, was allen Menschen als Menschen zukommt, insofern es sie beispielsweise vom Tier unterscheidet.

Das hilft – zugegebenermaßen – nicht wirklich weiter, zeigt aber doch zumindest Eines: Kultur ist etwas, bei dem Menschen ein lebendiges und gemeinsames Selbstverständnis entwickeln.

Doch genau das lässt sich meist nicht verordnen, Motto: „Die Geschäftsleitung hat beschlossen, ab sofort haben wir eine Firmenkultur, und die sieht so und so aus…“ Netter Versuch! Allenfalls können Manager ihre Mitarbeiter – im positiven Sinne – beeinflussen, indem sie selbst Vorbild sind und Entwicklungsbarrieren einer Kultur beseitigen.

Bedeutung einer Unternehmenskultur

Welche Bedeutung kommt Unternehmenskultur zu? Aus Personalersicht eine hohe. Die Gesellschaft hat sich im Laufe der Jahre verändert und mit ihr die Werte. Die Arbeitnehmer von heute, namentlich die Generation Y, hat andere Vorstellungen von Selbstverwirklichung und Arbeit. Globalisierung, demographischer Wandel und Digitalisierung sind die großen Schlagworte, die den Arbeitsmarkt in der heutigen Zeit prägen.

Und genau diese Dinge wirken sich auf die Unternehmenskultur aus. Unternehmen erwarten, dass ihre Mitarbeiter fachlich am Ball bleiben und sich auf Veränderungen einstellen – diese wiederum wünschen sich häufig Flexibilität in Form von weniger starren Arbeitszeiten.

Dazu gehören beispielsweise flexible Arbeitszeitmodelle wie Home Office, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern, aber nicht nur das. Eine Unternehmenskultur setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen, die zur Motivation des Mitarbeiters beitragen.

Schwierig wird es, wenn ein Unternehmen gesellschaftliche Veränderungen nicht aufgreift. Ohne jede Mode mitmachen zu müssen: Angesichts des Fachkräftemangels mancherorts bleibt Unternehmen nichts anderes übrig, als sich auf Wünsche potenzieller Mitarbeiter einzulassen.

Eine bestimmte Unternehmenskultur ist daher nicht nur im Recruiting von Bedeutung, sondern ein Instrument der Mitarbeiterbindung. Schließlich sollen sich die Mitarbeiter mit dem Unternehmen identifizieren. Stimmen die Werte jedoch nicht, verlassen Fachkräfte das Unternehmen.

Und diejenigen, die das Unternehmen nicht verlassen, werden Dienst nach Vorschrift machen, das heißt, negative Stimmungen werden dadurch eher bestärkt.

Unternehmenskultur entwickeln: Der Führung kommt die zentrale Rolle zu

Da allerdings fängt die eigentliche Aufgabe des Managements an: So wie man nicht linksdrehende und rechtsdrehende Kulturen in ein und demselben Joghurt-Becher verquirlen kann, schafft man es auch nicht, eine faire, transparente und wertschätzende Kultur zu etablieren, wenn diese an allen Ecken und Enden ad absurdum geführt wird.

Zu kryptisch? Dann per Beispiel…

Unternehmenskultur beginnt bereits mit dem Arbeitsvertrag.

Das Management kann sich nicht hinstellen und sagen, man wolle vor allem Mitarbeiter, die unternehmerisch denken und handeln, also eigenverantwortlich und mutig – und dann in den Arbeitsvertrag schreiben, dass eben jene Unternehmer im Unternehmen mit dem Dienst-PC nicht einmal private E-Mails schreiben dürfen oder ihr Netzwerk auf Facebook & Co. pflegen. Das ist nicht unternehmerisch gedacht, sondern erzieherisch.

Ebenso wenig lässt sich mit einem solchen Passus noch guten Gewissens von einer offenen und transparenten Firmenkultur sprechen. Vielmehr steckt dahinter der Gedanke, Mitarbeiter seien unmündige, unselbstständige und vor allem unmotivierte Wesen, die ganz dringend zur Arbeit (und bitte nur dazu) gezwungen gehören.

Und die Kulturen vom mündigen Mitarbeiter einerseits und vom müden Malocher andererseits passen nun mal nicht in ein und denselben Becher.

Beispiele für Firmenkultur

Unternehmenskultur muss also gelebt werden. Aber woran lässt sie sich erkennen? Tatsächlich lässt sich Unternehmenskultur an vielen Dingen ablesen. Einige davon sind offen nach außen – also auch für Kunden – erkennbar, andere wiederum erschließen sich nur Insidern.

Auf der einen Seite sind innere Anzeichen, Werte und Normen wie:

  • Fairness
  • Fehlerkultur
  • Reputation
  • Selbstbestimmung
  • Status
  • Strategien
  • Transparenz
  • unsichtbare Teamregeln
  • Wertschätzung

Auf der anderen Seite sind äußere Merkmale, die sich in den Rahmenbedingungen niederschlagen wie:

  • Arbeitszeiten
  • Aufgabenbereiche
  • Begrüßung/Verabschiedung
  • Dresscodes
  • Firmengebäude
  • Gehalt
  • Gesundheitsförderung
  • Kinderbetreuung

Unternehmenskultur verändern, aber wie?

Studien belegen, dass eine stark ausgeprägte Unternehmenskultur dazu beiträgt, dass die Gewinne steigen. Genau das liegt eigentlich im Interesse eines jeden Unternehmens – nur wie soll das gelingen? Kann es überhaupt gelingen? Hier kommt der theoretische Unterbau der Unternehmenskultur ins Spiel.

Verschiedene Disziplinen wie Anthropologie, Soziologie und Psychologie haben sich damit beschäftigt und kommen zu unterschiedlichen Ansichten – was daran liegt, dass der Begriff Kultur so unterschiedlich definiert, mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt wird.

Lange Zeit ging die Forschung davon aus, dass Unternehmenskultur eine vergleichsweise homogene Angelegenheit in nahezu allen Firmen sei. Erst in den letzten 50 Jahren – darunter maßgeblich vom niederländischen Kulturwissenschaftler Geert Hofstede beeinflusst – gelangten Wissenschaftler zu der Erkenntnis, dass es nationale und regionale Unterschiede gibt, die sich sowohl auf das Management als auch die Organisation als Ganzes auswirken.

Der amerikanische Organisationspsychologe Edgar Schein sieht die Unternehmenskultur in dreierlei Kulturebenen unterteilt:

Artefakte: Sie stellen den sicht- und erkennbaren Teil der Unternehmenskultur dar, beispielsweise Firmengebäude, Bürogestaltung, Jargon, Rituale.
Werte: Sie sind teilweise bewusst, teilweise unbewusst und äußern sich beispielsweise in Unternehmensleitlinien, Arbeitsmoral.
Grundannahmen: Sie sind nicht direkt erkennbar beziehungsweise erfahrbar und betreffen beispielsweise das Menschenbild, Gedanken und Gefühle.

Der amerikanische Anthropologe Edward T. Hall hingegen vergleicht Unternehmenskultur mit einem Eisberg, wobei der Teil über der Wasseroberfläche für die sichtbaren Elemente einer Organisationskultur stehen. Der deutlich größere Teil des Eisbergs, der unter Wasser im Tiefen verborgen ist, bildet die verborgenen Elemente ab.

Dieses Bild verdeutlicht vor allem eine relativ neue Erkenntnis: Nämlich dass die im Verborgenen liegenden Teile der Unternehmenskultur nicht so leicht zugänglich, infolgedessen auch schwerer zu verändern sind.

Die deutsche Organisationspsychologin Sonja Sackmann stellte außerdem fest, dass eine Diskrepanz zwischen nach außen vermittelten, aber nach innen gelebten Werte existiert. Nur: Wer in seinem Unternehmen einen bestimmten Geist kultivieren will, muss auch dafür sorgen, dass dieser in jedem Winkel frei wehen kann.

Das bedeutet, dass er sich – so profan das auch klingt – in sämtlichen internen wie externen Papieren, Memos und Berichten ebenso widerspiegelt, wie in demonstrierten und sprichwörtlich ausgezeichneten Vorbildern und kollaborativen Umgangsformen.

Das heißt im unangenehmsten Fall aber auch, dass Zuwiderhandeln Konsequenzen haben muss.

Wer etwa wiederholt Kreativität und freies Denken bremst, obwohl beides gewünscht, gefördert und gefordert wird, der sollte dringend aufgefordert werden, sein Verhalten zu ändern – oder sich eine andere Kultur zu suchen.

Wie formulierte es Kant schon im Großen mit dem kategorischen Imperativ:

Handle stets nach der Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.

Das heißt umgekehrt und im Kleinen: Willst du, dass deine Maxime allgemein akzeptiertes Gesetz (oder eben Unternehmenskultur) werde, sorge dafür, dass alle stets danach handeln (können). Und zuallererst du selbst.

 

Wie Menschen ihre eigenen Erinnerungen manipulieren

Wie Menschen ihre eigenen Erinnerungen manipulieren

Wenn Leute an ihre eigene Hochzeit zurückdenken, machen sie sie dabei gern noch ein bisschen schöner, als sie eh schon war. Aber warum ist das so?

Manipulation der eigenen Vergangenheit

Menschen erinnern sich an vergangene Erlebnisse mithilfe des sogenannten episodischen Gedächtnissystems. Dabei können sie ihre Erinnerungen auf drei Ebenen manipulieren. Forscher entschlüsseln, wie Menschen vergangene Erlebnisse ins Gedächtnis rufen und dabei verändern. „Erinnerungen an wichtige Ereignisse konstruieren wir oft so, wie sie uns in den Kram passen“.
Erinnerungen sind keine fotografischen Repräsentationen

Erwachsene erinnern sich vor allem an bedeutende Erlebnisse, die mit besonders positiven oder besonders negativen Gefühlen verknüpft waren, etwa einen besonderen Urlaubstag, die Führerscheinprüfung oder die Hochzeit. Die Erinnerung ist dabei kein fotografischer Ausschnitt der Wirklichkeit, sondern ein Konstrukt, das zwar von der Wahrnehmung eines zurückliegenden Ereignisses gespeist ist; aber beim Einspeichern und vor allem beim Abruf der wahrgenommenen Situation setzen vielfältige Konstruktionsprozesse ein. „Mit Pippi Langstrumpfs Worten könnte man sagen: Ich mache mir meine Welt, wie sie mir gefällt“.

Die Konstruktion des vergangenen Szenarios können Menschen auf drei Ebenen der Verarbeitung beeinflussen, was normalerweise automatisch und unbewusst geschieht. Die Quelle des Einflusses ist das narrative Selbstbild: „Wenn wir uns mit Freunden unterhalten, erzählen wir über uns selbst genau das, was uns wichtig ist“. „Diese Aspekte bezeichnen wir als das narrative Selbstbild.“

Das konstruktive Modell des Erinnerungsabrufs

Die Mitglieder der Forschungsgruppe „Constructing Scenarios of the Past“ aus Bochum, gehen davon aus, dass eine Erinnerung dann entsteht, wenn durch einen Reiz eine Gedächtnisspur aktiviert wird: Die Hochzeitseinladungskarte an der Pinnwand aktiviert beispielsweise eine Gedächtnisspur von der Hochzeitstafel. Die Situation wird allerdings – gemäß Bochumer Modell zum episodischen Erinnern – dann noch angereichert durch allgemeines Hintergrundwissen, welches in dem semantischen Gedächtnis verfügbar ist. Mit der Zusammenfügung von Gedächtnisspur und Hintergrundwissen entsteht ein lebhaftes Erinnerungsbild, etwa von der Begrüßung durch die Braut, und schließlich erzählt man, wie man das Ereignis erlebt hat.

Drei Ebenen der Beeinflussung

Zum Prozess der Szenario-Konstruktion gehören der Reiz, der die Erinnerung auslöst, der eigentliche Verarbeitungsprozess und das Ergebnis, also das Erinnerungsbild und die damit verknüpfte Beschreibung. Alle drei Komponenten können Menschen beeinflussen. Sie neigen erstens dazu, den auslösenden Reiz für positive Erinnerungen gezielt zu suchen und für negative Erinnerungen zu vermeiden. Sie stellen zum Beispiel ein Hochzeitsfoto auf den Bürotisch, meiden aber Begegnungen mit Personen, mit denen unangenehme Erinnerungen verknüpft sind.

Zweitens kann das Selbstbild auch beeinflussen, welche Hintergrundinformationen herangezogen werden, um die sparsame Gedächtnisspur zu einer lebendigen Erinnerung anzureichern; das bestimmt erst das reiche Erinnerungsbild.

Drittens kann die Beschreibung, die mit einem Erinnerungsbild verknüpft wird, sehr konkret oder eher abstrakt sein. Das Erinnerungsbild kann konkret entweder als der Beginn der Ansprache durch die Braut oder abstrakter als der Anfang des Zusammenwachsens zweier Familien beschrieben werden. Je abstrakter die verknüpfte Beschreibung, desto eher erinnert sich ein Mensch an das Erlebte aus einer Beobachterperspektive, also als Objekt in der Szene, und desto weniger intensive Gefühle sind damit verbunden. Die vom Selbstbild gewählte Beschreibungsebene beeinflusst das Erinnerungsbild und wie es erlebt wird – und zwar insbesondere, in welcher Form es dann weiter festgehalten wird.

„Wir formen unsere Erinnerungen also im Prinzip so, dass wir unser positives Selbst schützen und die Herausforderungen durch negative Erinnerungen, die nicht zu unserem Selbstbild passen, gerne abmildern“.

Originalpublikation
Roy Dings, Albert Newen: Constructing the past: The relevance of the narrative self in modulating episodic memory, in: Review of Philosophy and Psychology, 2021, DOI: 10.1007/s13164-021-00581-2