Kein Mensch braucht Sex

Kein Mensch braucht Sex

Mensch braucht SEX

Wozu ist der Sex gut? Um uns vor Bakterien zu schützen, sagen die Evolutionsbiologen. Und die Liebe? Die ist noch einmal ein Kapitel für sich.

Das Wichtigste in Kürze

  • Liebe steht im Dienst der sexuellen Fortpflanzung, sowohl beim Verlieben als auch bei der Bindung von Eltern und Kindern.
  • Die sexuelle Fortpflanzung ist ein Erfolgsmodell der Evolution seit einer Milliarde Jahren.
  • Warum, war lange unklar, weil asexuelle Organismen sich schneller vermehren als sexuelle.
  • Nach aktuellen Erkenntnissen steckt die Erklärung für das Rätsel im Immunsystem höherer Tiere: Damit es funktioniert, müssen die Gene immer neu gemischt werden, und das passiert beim Sex.
  • Bei der Partnerwahl werden die passenden Gene mit der Nase erkannt.
  • Die sexuelle Paarbindung kann Liebesbeziehungen begründen, die sich emotional extrem entwickeln: bis zur Selbstaufgabe oder bis zur tödlichen Eifersucht

Der Geruch der Gene

Eine neue Untersuchung an Mäusen, genauer gesagt: an deren Urin, stellt die Lehrmeinung, dass Tiere und Menschen bei der Partnerwahl speziell die Immungene des Gegenübers scannen, plötzlich in Frage. Der Urin von Mäusen enthält nämlich viel mehr Peptide, die von anderen Genen stammen. Die Autoren der neuen Studie, zu denen auch der Tübinger Immunologe Hans-Georg Rammensee gehört, halten es für wahrscheinlicher, dass die Mäuse einen Gesamteindruck davon bekommen, in welchem Maße der potenzielle Partner ihnen genetisch ähnelt. Eine optimale Genmischung würde bei den Nachkommen nur entstehen, wenn das Paar nicht zu nah verwandt ist. Es darf sich aber auch nicht um eine völlig fremde Art handeln.

„Liebe“ heißt der Film. Er gewann 2012 die Goldene Palme von Cannes und 2013 einen Oscar. „Liebe“ von Michael Haneke erzählt nicht die übliche Geschichte vom Jungen, der sein Mädchen trifft, wie sie nicht erst seit „Romeo und Julia“ immer wieder erzählt wird. „Liebe“ erzählt von den letzten Monaten im Leben eines alten Ehepaars. Georges, der alte Mann, kämpft um die Würde von Anne, seiner Frau, die körperlich und geistig immer mehr verfällt. Er kämpft, bis er selbst nicht mehr kann und dem gemeinsamen Elend durch eine brutale Tat ein Ende setzt.

Das ist eine ganz andere Liebe als die, von der der Schlager und die TV- Werbung erzählen: „Everybody wants to love …“, und schon steht die junge Schöne vor der Tür, öffnet für den Freund den Mantel und trägt darunter nur einen Hauch von nichts. Das ist Sex pur, das ist die heiße Phase der Liebe. Eine Phase, die auch Anne und Georges durchgemacht haben, wie die gemeinsame Tochter sich im Film erinnert: Als Kind habe sie immer mitgehört, wie die Eltern miteinander schliefen, erzählt sie bei einem ihrer letzten Besuche zu Hause. Das habe sie beruhigt, weil es ihr signalisiert habe: Die Eltern lieben sich noch. Sie werden nicht auseinandergehen.

Es gibt also einen Zusammenhang zwischen Sex und Liebe. Aber worin besteht er genau? „Oxytocin“ würde ein Biochemiker zur Antwort geben. Das Hormon, das auch als Neurotransmitter wirkt, ist im Spiel, wenn zwei Menschen sich verlieben, aber auch, wenn zwischen Mutter und Kind eine erste, enge Bindung entsteht. Aber gäbe es Liebe zwischen Erwachsenen auch ohne Sex? Und ohne das komplizierte Paarungsspiel und die heftige Begierde, die ihm vorangeht?

Vor zwei Milliarden Jahren: Der erste Sex

Die Frage erscheint müßig, denn Sex gibt es schon seit rund einer Milliarde Jahren, als die ersten Bakterien damit anfingen. Sein Sinn ist die Neukombination von Erbmaterial, nicht die Vermehrung. „Reproduktion ist der Prozess, bei dem sich eine Zelle in zwei teilt, und Sex ist ein Vorgang, bei dem zwei Zellen zu einer verschmelzen“, so hat es der Evolutionsbiologe John Maynard Smith einmal auf den Punkt gebracht. Doch warum geschah das? Und warum blieb es dabei? Das ist ein altes und noch nicht vollständig gelöstes Rätsel der Biologie.

Die sexuelle Fortpflanzung ist zu einem Erfolgsmodell der Evolution und zum Standardmodell für Säugetiere geworden, obwohl sie viele Nachteile hat. So macht sie etwa komplizierte Umbauten im Körper und im Gehirn nötig, um zwei Geschlechter zu schaffen, die sich auch äußerlich und im Sexualverhalten unterscheiden. Doch die individuelle Entwicklung kann ganz unterschiedliche Wege einschlagen. Das zeigen Varianten der menschlichen Sexualität wie die Homosexualität, die Asexualität und die Pädophilie.

Ohne Sex geht‚s schneller

Dabei ist Fortpflanzung auch ohne Sex sehr effektiv möglich, wie viele Organismen beweisen. Sogar höhere Organismen wie Grubenottern, Haie, Molche und Eidechsen; gelegentlich können sich sogar Truthühner per Jungfernzeugung vermehren. Die Eizellen dieser durchweg weiblichen Tiere entwickeln sich ohne Befruchtung durch Samenzellen zu einem vollständigen neuen Tier. Möchte man mit diesen Tieren tauschen? Helen Pilcher, die im „New Scientist“ darüber berichtete, kann sich das durchaus vorstellen. „In der Tat hat ein Leben ohne Männer gewisse Vorteile“, schreibt sie. „Das kann jeder Evolutionsbiologe bestätigen und sicher auch jede Frau, die gerade mit ihrem Freund Schluss gemacht hat. In Populationen, die nur aus Weibchen bestehen, pflanzt sich nicht das Paar, sondern jedes Individuum fort. Solche Tiere können sich schneller vermehren als zweigeschlechtliche Arten.“

Das ist tatsächlich der Fall, wie Vergleiche innerhalb von Arten ergeben, die beide Formen der Fortpflanzung kennen. Bereits in der vierten Generation hat ein asexuelles Weibchen viermal so viele Urenkel wie ein sexuelles. Der Vorsprung wächst mit jeder weiteren Generation. „Ginge es nur um reine Zahlen, Sex wäre schon längst von der Bildfläche verschwunden oder im Laufe der Evolution gar nicht erst aufgetaucht“, sagt Manfred Milinski vom Max- Planck- Institut für Evolutionsbiologie in Plön.

Die evolutionäre Wurmkur

Er selbst hat erheblich dazu beigetragen, eine vorläufige Antwort auf das große Rätsel zu geben, warum die Sexualität sich trotzdem durchsetzen konnte, auch bei den Menschen. Sie ist sehr unromantisch, diese Antwort. Denn sie lautet: Damit wir ein effektives Immunsystem gegen Bakterien und andere sich rasch vermehrende und rasant evolutionär verändernde Krankheitskeime entwickeln können, müssen wir öfter mal die Gene mischen. Dazu braucht es neben der Frau auch den Mann. Und das ist ein wenig kränkend für diesen. „Männer sind also weiter nichts als eine biologische Krankenversicherung“, fasste der Wissenschaftsjournalist Michael Miersch diese Idee einst zusammen, „oder, beschämender noch, eine evolutionäre Wurmkur. Allerdings als solche unverzichtbar.“

Die Romantik kommt aber doch wieder ins Spiel, klammheimlich sozusagen. Nämlich spätestens dann, wenn es darum geht, dass sich die Richtigen finden. Es braucht eine gute Nase dafür, selbst bei Fischen. Ein Stichlingsweibchen kann es im Wasser riechen, ob ein Männchen, das ihm sein selbst gebautes Liebesnest anbietet, die richtigen Gene hat – die passenden Immunfaktoren, die die eigene Ausstattung so gut komplettieren, dass der Nachwuchs optimal geschützt ist. Es sind kleine Eiweißbruchstücke, so genannte Peptide, die der Fisch riecht. Manfred Milinski hat es in vielen ausgefeilten Paarungsexperimenten gezeigt.

Und so ähnlich klappt es auch beim Menschen, wie im Artikel von Hanna Drimalla nachzulesen ist: Beim Tanz in der Disko sind wir nah genug dran am Objekt unserer Begierde, um unseren guten Riecher für den Richtigen oder die Richtige zu beweisen. Ist es nicht fantastisch, was unsere Nase da leistet? Und nicht nur die Nase, auch das nachgeschaltete Gehirn!

Wie man sieht, läuft hier vieles unbewusst ab, auf uralten biologischen Bahnen. Das hat die Natur gut eingerichtet, denn mit dem Verstand allein würden wir hier sicher viel vermurksen. Doch hat unser bewusstes Denken und Entscheiden, haben unsere höheren kognitiven Zentren in Sachen Liebe gar nichts zu melden? Sehr wohl sogar, meinen zwei unserer Autoren, Christian Wolf und Bas Kast. Fürs Heiraten beispielsweise gibt es durchaus rationale Gründe: So bringt ein Trauschein eine im Durchschnitt höhere Lebenszufriedenheit, mehr Freude am Sex – und eine bessere Gesundheit. Das letztere Argument führten amerikanische Wissenschaftler kürzlich an, um sich für die Legalisierung der Ehe unter Homosexuellen stark zu machen.

Gefährliche Gefühle

Und doch wird sie sich niemals vollständig in legale Grenzen sperren, niemals gänzlich zähmen lassen, die Liebe. Dazu ist sie zu anarchisch, dazu sind die dazugehörigen Emotionen zu stark. Nicole Simon zeigt das am Beispiel der Eifersucht, die sich von einem kaum spürbaren Stich zu einem veritablen Wahn steigern – und tödlich enden kann.

Auch Filmregisseur Michael Haneke weiß von der zerstörerischen Kraft, die der Liebe innewohnt, von Anfang an. „Liebe ist gefährlich, lebensgefährlich“, sagte er in einem Gespräch mit dem „Spiegel“. „Liebe ist etwas, was einen selber weit übersteigt.“

 

Liebe ist Biochemie – War das schon alles?

Liebe ist Biochemie – War das schon alles?

Liebe Biochemie

Verliebtsein entfacht im Gehirn ein chemisches Feuerwerk. Und auch wenn sich später der Sturm der Gefühle legt, spielen Hormone eine wichtige Rolle. Ist damit schon alles über eines der großen Mysterien in unserem Leben gesagt?

Das Wichtigste in Kürze

  • Evolutionspsychologischen Theorien zufolge ist Liebe ein Trick der Evolution, um das menschliche Überleben zu sichern.
  • Im Gehirn regt sich beim Anblick des Geliebten vor allem das Belohnungssystem. Areale, die für rationales Denken und dem Einschätzen anderer Menschen zuständig sind, fahren ihre Aktivität nach unten.
  • In der frühen Phase der Liebe spielt vor allem der Botenstoff Dopamin eine große Rolle und sorgt für den Rausch der Gefühle. In späteren Phasen von Beziehungen bestärkt möglicherweise das Hormon Oxytocin die Bindung zwischen den Partnern.
  • Ob sich Liebe wirklich auf die Neurochemie im Gehirn reduzieren lässt, ist umstritten. In vielem steht die Neurowissenschaft der Liebe erst am Anfang. Bisher jedenfalls lässt sich die Komplexität der Liebe nicht im Labor abbilden.

Jungbrunnen fürs Gehirn?

2005 erforschten italienische Wissenschaftler um den Mediziner Enzo Emanuele von der University of Pavia den so genannten Nervenwachstumsfaktor bei verschiedenen Probanden. Das Protein ist unerlässlich dafür, dass das Gehirn „jung“ bleibt, erforderlich für das Leben von Neuronen und das Wachstum von Dendriten. Die Forscher untersuchten 58 Menschen, die frisch verliebt waren, und verglichen sie mit Versuchspersonen, die nicht verliebt waren und mit solchen, die schon lange in einer Beziehung steckten. Die Konzentration des Nervenwachstumsfaktors im Blutplasma der frisch Verliebten war höher als die der Kontrollgruppen. Wie die Forscher vermuteten, könnte das mit dem Gefühl der Euphorie des Verliebtseins in Zusammenhang stehen.

Von wegen Mars und Venus

Es mag zunächst verblüffen: Verliebt man sich, fällt beim Mann der Testosteronspiegel zunächst, und bei der Frau geht er nach oben. Das fanden die Psychiaterin Donatella Marazziti und der Endokrinologe Domenico Canale von der University of Pisa 2004 heraus. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass sich die Geschlechter in dieser Phase vom Verhalten her angleichen, glauben die Forscher.

Der wissenschaftliche Blick auf die romantische Liebe ist ein nüchterner und nicht selten auch ernüchternd: Das Gefühl, das bei frisch Verliebten Schmetterlinge im Bauch flattern lässt, ist in seinen Augen lediglich das Ergebnis eines geschickt gemixten Hormoncocktails. Die intime Liebe zwischen zwei Menschen – bloß eine evolutionär nützliche Illusion, um die Fortpflanzung zu sichern. Doch wie viel weiß die Wissenschaft tatsächlich von der mächtigsten Kraft in unserem Leben?

Glaubt man der evolutionären Psychologie, hat die Natur mit der Erfindung der romantischen Liebe tief in die Trickkiste gegriffen, um das Überleben der Spezies Mensch zu sichern. Als deren Gehirn im Laufe der Entwicklungsgeschichte immer größer wurde, war der Nachwuchs immer länger auf die Pflege seiner Eltern angewiesen. Daher seien Liebe und die Paarbeziehung praktische Einrichtungen der Evolution, damit beide Eltern die Sprösslinge für eine lange Zeit unter ihre Fittiche nehmen. So argumentieren etwa die Psychologen Lorne Campbell von der University of Western Ontario und Bruce Ellis von der University of Canterbury im „Handbook of Evolutionary Psychology“.

Liebe ist keine Herzensangelegenheit

Das wissenschaftliche Sezieren der Liebe steht in vielem noch am Anfang. Doch eine Sichtweise hat sich schon jetzt radikal geändert: Liebe ist nur noch in der Kunst und in unserem subjektivem Erleben eine Angelegenheit des Herzens. Denn mittlerweile haben Forscher das Gehirn als eigentlichen Ort des romantischen Geschehens ausgemacht.

Pionierarbeit auf diesem Gebiet leisteten 2000 die Neurowissenschaftler Semir Zeki vom University College London und Andreas Bartels, heute am Max- Planck- Institut für Biologische Kybernetik in Tübingen. Sie nahmen per funktioneller Magnetresonanztomografie das Gehirn von 17 Probanden unter die Lupe. Einmal zeigten sie den schwer Verliebten Bilder ihrer Partner und ein andermal Fotos von Freunden. Wie sich zeigte, sprang beim Anblick des innig geliebten Menschen vor allem das limbische Belohnungssystem an.

Geld, Macht und Erotik

Mit Hilfe von bildgebenden Verfahren wurde inzwischen in zahlreichen neurowissenschaftlichen Studien untersucht, was uns motiviert und wo die Motivation im Gehirn zu verorten ist. Geld, die Aussicht auf Gewinn, erotische Fotos und attraktive Gesichter, aber auch wohlschmeckende Fruchtsäfte und soziale Anerkennung aktivieren in Gehirnscans stets das Belohnungssystem.

Abhängig vom dargebotenen Reiz treten dabei aber subtile Unterschiede auf. Beispielsweise entdeckten der Neurowissenschaftler Jean- Claude Dreher und seine Kollegen vom Institut des Sciences Cognitives im französichen Bron 2010, dass der zum Vorderhirn gehörende orbitofrontale Cortex (OFC) unterschiedlich auf Bikinifotos und Geld anspricht. Erotische Reize aktivieren vor allem den hinteren Teil dieses Hirnareals – den so genannten posterioren lateralen OFC. Dass dieser entwicklungsgeschichtlich recht alte Bereich des orbitofrontalen Cortex in diesem Fall reagiert, erklärt Jean- Claude Dreher damit, dass schon unsere vor hunderttausenden Jahren lebenden Vorfahren beim Anblick eines attraktiven, sexy Gegenübers freudig und motiviert reagierten. Oder, wie Evolutionsbiologen sagen würden, reagieren mussten – um das Überleben der Art zu sichern.

Der vorne, nahe der Augen liegende Teil des OFC – der anteriore laterale OFC — wird hingegen bei Aussicht auf finanziellen Gewinn aktiviert. Verglichen mit dem posterioren Teil ist er entwicklungsgeschichtlich relativ jung, was darauf hinweisen könnte, dass die Motivation durch sekundäre Verstärker wie Geld erst in jüngerer Zeit entstanden ist.

Eine weitere Erkenntnis der neurowissenschaftlichen Forschung lautet: Schon eine bloße Neuheit – etwas vorher noch nicht da Gewesenes, wie ein unbekanntes Bild – führt zu einer Aktivierung des Belohnungssystem. Dies belegt neurobiologisch, was Psychologen schon vielfach nachgewiesen haben: Neugier ist eine starke Motivation und eine der wichtigsten Triebfedern des menschlichen Verhaltens.

Gleichzeitig fuhren aber auch manche Areale ihre Tätigkeit nach unten, etwa der präfrontale Cortex Er ist für rationale Entscheidungen wichtig. Außerdem drosselte ein Netzwerk um die temporo- parietale Kreuzung seine Aktivität. Es ist normalerweise dafür zuständig, andere Menschen sozial einzuschätzen. Einige Hirnforscher sehen darin eine Bestätigung für die alltägliche Erfahrung, dass Liebende oft kopflos handeln. Und auch Bartels und Zeki vermuteten in ihren Ergebnissen eine mögliche neurobiologische Erklärung, warum Liebe blind macht.

Das klingt zunächst einmal einleuchtend. Das Problem dabei ist nur: Von den Aktivierungsmustern im Gehirn darauf zu schließen, was psychologisch im Kopf eines Menschen abläuft, ist wissenschaftlich heikel. Das betonte 2003 ein Team um den Psychologen John Cacioppo von der University of Chicago in einer Übersichtsarbeit zum Vorgehen in den sozialen Neurowissenschaften. Trotz solcher Bedenken geht die Deutung von Hirnaktivitäten bis heute munter weiter.

Liebe als Sucht?

2012 trug die Neurowissenschaftlerin Stephanie Cacioppo von der Universität Genf gemeinsam mit Kollegen die Funde der Hirnforschung zur romantischen Liebe zusammen. Das Ergebnis: Leidenschaftliche Liebe entfacht Hirnareale, die mit Euphorie, Belohnung und Motivation in Verbindung gebracht werden. Da sich diese Regionen auch unter dem Einfluss von Opiaten oder Kokain regen, ist für viele Forscher klar, dass sich Liebe und Sucht wohl gar nicht so unähnlich sind. Der Psychologe Jim Pfaus von der Concordia University formuliert es so: „Liebe ist eigentlich eine Gewohnheit, die sich aus sexuellem Begehren ergibt, da Begehren belohnt wird. Es funktioniert in der gleichen Weise im Gehirn, wie wenn Menschen von Drogen abhängig werden.“

Der Blick auf die Hormone scheint ihm Recht zu geben. Gerade in der prickelnden Phase des Verliebtseins überschwemmt der Botenstoff Dopamin das Gehirn. Ausgeschüttet vom Hypothalamus, der wichtigsten Hormonquelle des Gehirns, wirkt Dopamin vor allem im bereits erwähnten limbischen System. Im Volksmund gilt der Botenstoff bereits als Glückshormon. Und er spielt tatsächlich nicht nur bei Belohnungen im Gehirn und bei Euphorie eine Rolle, sondern auch bei Sucht.

Liebe – eine Obsession?

Während der Dopaminspiegel im Rausch der Gefühle zunimmt, nimmt ein anderer Botenstoff ab: Serotonin. Der Serotoninpegel von Verliebten ähnelt denen von Menschen mit einer Zwangsstörung, ergaben erste Untersuchungen. Nicht nur der Hirnforscher Semir Zeki behauptet daher: „Liebe ist am Ende eine Form von Obsession.“ In frühen Stadien lähme sie im Allgemeinen das Denken und lenke es in die Richtung eines einzigen Menschen.

Liebe ist also eine Form der Besessenheit. Auch das hört sich zunächst plausibel an. Wer kennt es schließlich nicht, wie die Gedanken nur noch um einen Menschen kreisen. Doch diese Interpretation ist nicht nur einmal mehr reichlich spekulativ, sondern hat auch noch einen anderen Haken. Zwar spielt das Serotoninsystem nach allem, was man weiß, tatsächlich bei der Liebe eine Rolle. Aber nach einer Übersichtsstudie von 2009 ist nicht gesichert, dass der Serotoninspiegel von romantisch Verliebten immer sinkt.

Hormon der Bindung

Nach den stürmischen Monaten einer neuen Liebe gelangen Paare allmählich in ruhigere Gefilde. Hier kommt das Hormon Oxytocin zum Zuge. Produziert im Hypothalamus, wird es verstärkt in Phasen romantischer Bindung ausgeschüttet. Oxytocin sorgt für Vertrauen gegenüber anderen Menschen, bestimmt, welchen Menschen wir besonders attraktiv finden, und fördert die langfristige Paarbindung und die Treue. Nicht nur beim Menschen übrigens: Präriewühlmäuse neigen eigentlich zur Monogamie. Blockiert man allerdings die Ausschüttung von Oxytocin, wechseln die kleinen Nager den Partner häufiger.

Neurococktail der Liebe

Ist also in Sachen Liebe und Bindung alles eine Frage des richtigen Neurococktails im Gehirn? Und könnte man – zumindest theoretisch – mit Hilfe eines modernen Aphrodisiakums aus köpereigenen Opiaten und Oxytocin jemanden dazu bringen, sich in eine beliebige Person zu verlieben? Der Sozialpsychologe Manfred Hassebrauck von der Bergischen Universität Wuppertal glaubt das nicht. „Sie werden sich dann zwar ganz toll fühlen, verspüren auch mehr Energie und freuen sich. Aber ob Sie verliebt sind, ist eine komplett andere Geschichte.“ Dazu gehöre nämlich noch der kognitive Aspekt der Liebe. „Und eine Person, die wir wahrnehmen als eine, die unseren Wünschen entspricht.“ Die Biopsychologin Beate Ditzen sieht das ganz anders: „Wir haben zwar im Moment einen solchen Cocktail nicht.“ Tatsache sei aber auch, dass ein biologischer Cocktail in uns in einer bestimmten Dynamik das Gefühl der Verliebtheit auslöse. „Das ist die Konsequenz und nicht die Ursache“, glaubt hingegen Manfred Hassebrauck.

Was in der naturwissenschaftlichen Arbeit manchmal allzu schnell unter den Labortisch fällt: Liebe ist ein sehr komplexes Phänomen mit vielen Facetten. Stärker als in neurobiologischen Modellen spiegelt sich das in psychologischen wider. Ein sehr bekanntes stammt von dem Psychologen Robert Sternberg, die so genannte Dreieckstheorie der Liebe. Neben emotionalen und motivationalen Aspekten, die häufig die naturwissenschaftliche Arbeit dominieren, betont Sternberg auch einen kognitiven Aspekt. Er besteht in der rationalen Entscheidung, jemanden zu lieben und eine Bindung mit ihm einzugehen.
Auch viele naturwissenschaftlich orientierte Forscher sind sich im Grunde dieser Vielschichtigkeit von Liebe bewusst, die sich nicht so leicht unter künstlichen Laborbedingungen abbilden lässt. Liebe sei eine komplexe Empfindung, betonen etwa die Hirnforscher Andreas Bartels

Nach der Lust kommt der Frust

Nach der Lust kommt der Frust

Lust oder Frust

Anhand von Alltagsbeobachtungen, etwa der Lustlosigkeit nach dem Geschlechtsverkehr, der Euphorie nach der Angst beim Fallschirmspringen oder der Enttäuschung nach einem lange ersehnten Kauf erklärt sich,

dass die meisten Emotionen in Gegensatzpaaren funktionieren. Nach dem kurzen, heftigen Gipfel des ursprünglichen Gefühls kippt dieses in das entgegengesetzte Gefühl um, das dann auch noch länger andauert. Die Angst schlägt um in Euphorie, die Lust in Gereiztheit, der Genuss in Verlangen, die fröhliche Überdrehtheit in Weinen

Die Opponent-Process-Theorie von Solomon & Corbit (1978) besagt ganz allgemein, dass viele emotionale Reaktionen aus einer ersten Reaktion und einer späteren, gegensätzlichen Reaktion  bestehen. Die wiederholte Präsentation desselben Stimulus stärkt den zweiten, sodass die erste Reaktion schwächer und die Nachreaktion stärker und länger wird.. Basis dieser Theorie ist die Annahme, dass bei der Erfahrung einer Emotiion die entgegengesetzte Emotion unterdrückt wird. Verschwindet der Auslöser der ersten Emotion, dann verschwindet auch die Emotion und wird gewissermaßen von der zweiten entgegengesetzten Emotion ersetzt. Diese Theorie der Emotion zielte ursprünglich darauf ab, eine ganze Reihe emotionaler Reaktionen im Sinne einer Habituation an Stimuli zu erklären, indem sich die Reaktion eines Individuums auf einen Reiz aufgrund wiederholter Präsentation dieses Reizes verändert. Ein wesentliches Element der Opponent-Process-Theorie ist daher die Möglichkeit vorherzusagen, wie sich eine emotionale Reaktion durch die Wiederholung der Präsentation desselben Stimulus verändert, dass also durch die Wiederholung des Reizes die erste emotionale Reaktion einer Habituation unterliegt und immer schwächer wird, während gleichzeitig ein deutlicher Anstieg an Intensität und Dauer der Nachreaktion stattfindet. Solomon & Corbit nahmen also an, dass sich die Intensität der Emotionen durch eine Gegenbewegung verändert, d. h., je öfter diese Prozesse wiederholt werden, die erste Emotion  schwächer, dafür die Antwortemotion jedesmal stärker wird. Die Drogensucht ist ein klassische Beispiel, denn beim ersten Mal verursacht die Droge ein ungeheures Hochgefühl, dem das Leiden der längeren Entzugsphase nachfolgt. Um dieses Verlangen zu befriedigen, wird die nächste Dosis konsumiert, dich diese bringt weniger Genuss, dafür aber umso bedrückenderes Verlangen. Dies entwickelt sich zu einem Teufelskreis, bis Süchtige die Droge nur noch nehmen, um den Entzug nicht mehr ertragen zu müssen. Die opponent-process theory ist auch ein Ansatz, um emotionale Zustände an eine Motivation zu binden, allerdings lassen sich nicht alle Emotionen allein aus der Gegenbewegung zur entgegengesetzten Emotion ableiten.

Verwendete Literatur

Stangl, W. (2022, 3. August). opponent-process theory . Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.

 

Psychische Belastung am Arbeitsplatz deuten und handeln

Psychische Belastung am Arbeitsplatz deuten und handeln

Burnout

Ausgebrannt – Psychische Belastung bei Mitarbeitern

In Zeiten der Digitalisierung muss alles „schneller, höher, weiter“ gehen. Doch was passiert dabei mit dem Menschen? Viele Arbeitnehmer*innen setzt die heutige Arbeitswelt enorm unter Druck. Flexibel sein, zunehmend komplexe Aufgaben lösen und das hohe Tempo unserer Zeit sind echte Belastungen.

Stressbelastungen können krank machen und die Arbeitsfähigkeit von Mitarbeiter*innen reduzieren. Langfristiges Nicht-Handeln kann zu Burnout, Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen führen. Gesundheitsmanagement ist vor allem eine Frage der Führungsebene. Was können und müssen Führungskräfte tun, um die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu schützen?

Psychische Belastung

Psychische Belastung umfasst alle objektiven, äußeren Einflüsse, die auf die Psyche des Menschen einwirken. Beispiele für Belastungsfaktoren in der Arbeit sind die Arbeitsumgebung, die Dauer der Arbeitszeit und soziale Beziehungen. Wichtig: Der Begriff Belastung ist wertneutral. Unsere Psyche bekommt in der Arbeit ständig Eindrücke von außen – das ist per se nichts Negatives. Eine „Fehlbelastung“ kann z. B. durch zu hohen Zeit- und Leistungsdruck entstehen und so gesundheitliche Gefährdungen für Mitarbeiter mit sich ziehen.

Psychische Beanspruchung

Unter Beanspruchung versteht man alle subjektiven Folgen, die durch äußere Belastung entstehen. Sie beschreibt die „innere Reaktion“ auf eine Belastung, die positiv oder negativ sein kann. Lautes Sprechen kann bei einem Zuhörer zu mehr Aufmerksamkeit führen, bei einem anderen dagegen Stress verursachen. Die Beanspruchung ist von vielen individuellen Voraussetzungen, wie z. B. der Gesundheit, der Persönlichkeit oder der Tagesform abhängig.

Belastung Beanspruchung

„Sprungbrett-Metapher“

Die Gesundheit des Menschen ist wie ein Sprungbrett. Im Normalzustand steht das Brett gerade. Trifft eine Belastung von außen auf das Brett, verbiegt sich dieses. Die Beanspruchung beschreibt, wie sehr sich das Brett nach einer Belastung biegt. Bei jedem Menschen ist die körperliche und mentale „Flexibilität“ unterschiedlich. Ist die Beanspruchung negativ, dann sprechen wir von Stress.

Psychische Erkrankungen

Psychische Erkrankungen sind gesundheitliche Schäden, die durch falsche, häufige oder übermäßige Belastungssituationen (Fehlbelastungen) entstehen. Ein Konflikt mit einem anderen Mitarbeiter kann einmalig Stress verursachen. Findet der Konflikt jeden Tag statt, weil ein Mitarbeiter den anderen wiederholt schikaniert (Mobbing), kann eine psychische Erkrankung, wie eine Angststörung, bei dem gemobbten Mitarbeiter entstehen.

Psychische Erkrankungen sind im Vergleich zu anderen Krankheiten besonders lang. Sie dauern durchschnittlich 40 Tage. Eine Umfrage der Deutschen Depressionshilfe zeigt auch, dass jeder fünfte Beschäftigte Erfahrungen mit Depression hat. Die Krankheitskosten für psychische Erkrankungen liegen bei ca. 44,4 Milliarden Euro pro Jahr. Die Gesundheit der Mitarbeiter über ein professionelles Gesundheitsmanagement zu schützen, ist heute auch aus wirtschaftlichen Gründen eine Empfehlung für Unternehmen.

Häufige psychische Erkrankungen:

  • Angststörung
  • Burnout
  • Boreout
  • Depression
  • Sucht

Ursachen für psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz:

  • Überforderung (Zeit-, Konkurrenz- und Leistungsdruck, Komplexität der Aufgaben, zu hoher Flexibilitätsanspruch etc.)
  • Unterforderung (z. B. durch monotone Arbeit)
  • Arbeitsbedingungen (Hitze, Lärm, Arbeitszeiten etc.)
  • Störungen des Arbeitsablaufs
  • Soziale Konflikte
  • Mobbing

Symptome für psychische Erkrankungen erkennen

Was müssen Arbeitgeber tun, um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu schützen?

Das Arbeitsschutzgesetz fordert nach § 5 ArbSchG vom Arbeitgeber eine Gefährdungsbeurteilung für psychische Belastung bei der Arbeit. Ziele des Arbeitsschutzes sind die Prävention von gesundheitsschädigenden Faktoren und die Sicherung einer menschengerechten Gestaltung der Arbeit. Eine Gefährdungsbeurteilung ist ein Instrument zur Messung von potenziellen Belastungen von Mitarbeitern am Arbeitsplatz, noch bevor etwas passiert. Die Gefährdungsbeurteilung kann in folgenden Schritten erfolgen:

  1. Befragungen
  2. Interviews
  3. Workshops
  4. Begehung
  5. Auswertung

Verschiedene Berufsgenossenschaften stellen kostenlos Schulungen, Merkblätter und Fragebögen zur Gefährdungsbeurteilung für Unternehmen zur Verfügung. Diese sind erste Anlaufstelle, um die Arbeitsbedingungen im Unternehmen zu untersuchen, Störungen in Arbeitsprozessen zu identifizieren und zwischenmenschliche Konflikte zu finden – und schließlich auch zu vermeiden.

Wo tun sich Unternehmen beim Thema Gesundheitsförderung schwer?

Eisberg

Noch heute ist die Gesundheit der eigenen Mitarbeiter für viele Unternehmen ein Thema, das stiefmütterlich behandelt wird. Ca. 1/7 der Kommunikation nehmen wir über das Verhalten anderer Menschen wahr. Ca. 6/7 spielen sich im Innenleben mit Gefühlen, Gedanken und Einstellungen ab. „Gesundheitsmanagement“ kratzt in vielen Unternehmen nur die Oberfläche dieses Eisbergs an. Die erste Herausforderung fängt bereits bei der Bestandsaufnahme und Analyse des psychischen Wohlbefindens (wie z. B. der Gefährdungsbeurteilung) der eigenen Mitarbeiter an. Darüber hinaus werden gesundheitsfördernde Maßnahmen oft auf Einzelhandlungen wie Ausflüge oder Yoga-Kurse reduziert, die keine langfristigen Lösungen für psychische Belastung und Erkrankungen darstellen.

In der Praxis hapert es nach der Gefährdungsbeurteilung oft an konkreten Verbesserungsmaßnahmen. Diese betreffen vor allem Veränderungen zu:

  • Arbeitsinhalt
  • Arbeitsorganisation
  • Arbeitsumfeld
  • Soziale Beziehungen (Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Kolleg*innen)

Wie können Unternehmen ihre Mitarbeiter gesund und glücklich halten?

Das Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) hat sich aufgrund des hohen Bedarfs an der Auseinandersetzung mit der Gesundheit der Belegschaft als eigenständiger und wertvoller Unternehmensbereich entwickelt. BGM umfasst alle strategischen und systematischen Maßnahmen, die Menschen helfen, sich am Arbeitsplatz besser zu fühlen. Beispiele für BGM-Maßnahmen sind Mitarbeiterschulungen zum Stressmanagement, die Wiedereingliederung von Langzeitkranken und eine positive Unternehmenskultur. Diese werden von einem internen oder externen Gesundheitsmanager übernommen.

Die Akzeptanz und Überzeugung der Führungsebene ist wichtige Voraussetzung, damit BGM-Maßnahmen ihren gewünschten Effekt erreichen. Im Kern geht das BGM von der Unternehmensführung aus, die „gesunde Change-Prozesse“ im Unternehmen ermöglicht und durchsetzt. Die Erfahrung zeigt, dass BGM-Verantwortlichen andernfalls viele Hürden in den Weg gestellt werden. Dagegen gewinnen Unternehmen, die sich der Gesundheit ihrer Mitarbeiter widmen.

Wissenswert: Im BGM-Ansatz ist Feedback entscheidend, um das Wohlbefinden der Mitarbeiter zu ergründen und langfristige Erkrankungen, wie Burnout oder Depressionen, zu verhindern. BGM ist damit auch ein Beispiel für agiles Arbeiten, das Feedback als Beginn von Veränderung sieht.

 

BGM – Ein gesundes Unternehmen schaffen

Eisberg

Unternehmen haben heute viele Möglichkeiten, die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter positiv zu beeinflussen. Arbeit ist nicht nur Belastung, sondern kann sinnstiftend sein, die persönliche Weiterentwicklung fördern oder jedem Menschen ein Zugehörigkeitsgefühl zu einem Team geben. Studien belegen, dass gute Laune ein Erfolgsfaktor ist. Glückliche und gesunde Mitarbeiter sind engagierter bei der Arbeit. Gesundheitsmanagement ist deshalb eine unschätzbare Investition in das eigene Unternehmen.

Achtsamkeitstraining und Schmerz

Achtsamkeitstraining und Schmerz

Achtsamkeit

Die Forschung am Center for Healthy Minds der University of Wisconsin-Madison hat die Veränderungen der schmerzbedingten Gehirnaktivität isoliert, die auf das Achtsamkeitstraining folgen – und einen Weg zu einer gezielteren und präziseren Schmerzbehandlung aufzeigen.

Die Studie, die im American Journal of Psychiatry veröffentlicht wurde, identifizierte Wege im Gehirn, die für die Schmerzregulation spezifisch sind, auf deren Aktivität durch den achtwöchigen Kurs zur achtsamkeitsbasierten Stressreduktion des Zentrums verändert wird.

Diese Veränderungen wurden bei Teilnehmern, die einen ähnlichen Kurs ohne Achtsamkeitsunterricht besuchten, nicht gesehen – wichtige neue Beweise dafür, dass die Hirnveränderungen auf das Achtsamkeitstraining selbst zurückzuführen sind, so Joseph Wielgosz, der die Arbeit leitete, als er Doktorand an der UW-Madison war und jetzt Postdoktorand an der Stanford University ist. Die Studie ist die erste, die schmerzbedingte Hirnveränderungen aus einem standardisierten Achtsamkeitskurs demonstriert, der in klinischen Umgebungen weit verbreitet ist.

Etwa ein Drittel der Amerikaner hat schmerzbedingte Probleme, aber häufige Behandlungen – wie Medikamente und invasive Verfahren – funktionieren nicht für alle und haben laut Wielgosz zu einer Epidemie der Sucht nach verschreibungspflichtigen und illegalen Drogen beigetragen.

Achtsamkeitstrainings wie MBSR sind bei Patienten beliebt und in ihren klinischen Ergebnissen vielversprechend und haben einen zentralen Platz im Streben nach einem effektiveren Ansatz zur Schmerzbehandlung eingenommen. Durch das Üben eines unvoreingenommenen, präsentzentrierten Bewusstseins für Geist und Körper können die Teilnehmer lernen, mit weniger Belastung und mehr psychologischer Flexibilität auf Schmerzen zu reagieren – was letztendlich zu einer Verringerung der Schmerzen selbst führen kann.

Um die Reaktion auf neuronale Schmerzen zu messen, ließen die Studienteilnehmer ihr Gehirn scannen, während sie einen sorgfältig kontrollierten wärmebasierten Reiz an ihrem Unterarm erhielten. Die Forscher zeichneten zwei hirnweite Signaturen von schmerzbedingten Aktivitäten auf, die vom Mitarbeiter Tor Wager, Professor für Neurowissenschaften am Dartmouth College, entwickelt wurden. Diese innovative Technik verbessert die Fähigkeit, schmerzbedingte Signale in der komplexen Aktivität des Gehirns zu erkennen, dramatisch. Änderungen der Signaturen können auch leichter psychologisch interpretiert werden.

Die Teilnehmer des MBSR-Kurses zeigten eine Reduzierung einer Signatur, die mit der sensorischen Schmerzintensität verbunden ist.

„Unser Ergebnis unterstützt die Idee, dass Achtsamkeitstraining für neue Praktiker direkt beeinflusst, wie sensorische Signale aus dem Körper in eine Gehirnreaktion umgewandelt werden“, sagt Wielgosz, dessen Arbeit von den National Institutes of Health unterstützt wurde.

Die Studie befasste sich auch mit längerfristigem Achtsamkeitstraining. Faszinierenderweise war die Praxis intensiver Meditationsretreats mit Veränderungen der neuronalen Signatur für Einflüsse verbunden, die den Schmerz indirekt prägen – zum Beispiel Unterschiede in Aufmerksamkeit, Überzeugungen und Erwartungen, Faktoren, die oft das wahrgenommene Maß an Stress bei Nicht-Meditatoren erhöhen.

„Genau wie ein erfahrener Athlet einen Sport anders spielt als ein Anfänger, scheinen erfahrene Achtsamkeitspraktizierende ihre mentalen „Muskeln“ als Reaktion auf Schmerzen anders zu verwenden als erstmalige Meditierende“, sagt Wielgosz.

Diese Ergebnisse helfen, das Potenzial für Achtsamkeitspraxis als Lebensstilverhalten zu zeigen.

Die Studie ist auch für das Gebiet der Schmerzforschung von Bedeutung, da sie gehirnbasierte Schmerzmessungen neben den subjektiven Bewertungen der Teilnehmer an einer randomisierten Studie verwendet. Schmerzforscher suchen seit langem nach Möglichkeiten, die Wirkung der Behandlung biologisch zu messen.

„Der Blick auf neuronale Signaturen zusammen mit Patientenerfahrungen ergab Erkenntnisse über Achtsamkeit, die wir niemals allein hätten erkennen können“, sagt Wielgosz.

So glauben die Forscher zusätzlich zu den Erkenntnissen, die sie über Achtsamkeit liefert, dass ihre Studie auch ein Modell für zukünftige Forschung liefern kann, das dazu beiträgt, die Komplexität von Schmerzen zu entwirren und letztendlich die Belastung zu reduzieren, die sie unserem Leben auferlegt.