Psychische Belastung am Arbeitsplatz deuten und handeln

Psychische Belastung am Arbeitsplatz deuten und handeln

Burnout

Ausgebrannt – Psychische Belastung bei Mitarbeitern

In Zeiten der Digitalisierung muss alles „schneller, höher, weiter“ gehen. Doch was passiert dabei mit dem Menschen? Viele Arbeitnehmer*innen setzt die heutige Arbeitswelt enorm unter Druck. Flexibel sein, zunehmend komplexe Aufgaben lösen und das hohe Tempo unserer Zeit sind echte Belastungen.

Stressbelastungen können krank machen und die Arbeitsfähigkeit von Mitarbeiter*innen reduzieren. Langfristiges Nicht-Handeln kann zu Burnout, Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen führen. Gesundheitsmanagement ist vor allem eine Frage der Führungsebene. Was können und müssen Führungskräfte tun, um die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu schützen?

Psychische Belastung

Psychische Belastung umfasst alle objektiven, äußeren Einflüsse, die auf die Psyche des Menschen einwirken. Beispiele für Belastungsfaktoren in der Arbeit sind die Arbeitsumgebung, die Dauer der Arbeitszeit und soziale Beziehungen. Wichtig: Der Begriff Belastung ist wertneutral. Unsere Psyche bekommt in der Arbeit ständig Eindrücke von außen – das ist per se nichts Negatives. Eine „Fehlbelastung“ kann z. B. durch zu hohen Zeit- und Leistungsdruck entstehen und so gesundheitliche Gefährdungen für Mitarbeiter mit sich ziehen.

Psychische Beanspruchung

Unter Beanspruchung versteht man alle subjektiven Folgen, die durch äußere Belastung entstehen. Sie beschreibt die „innere Reaktion“ auf eine Belastung, die positiv oder negativ sein kann. Lautes Sprechen kann bei einem Zuhörer zu mehr Aufmerksamkeit führen, bei einem anderen dagegen Stress verursachen. Die Beanspruchung ist von vielen individuellen Voraussetzungen, wie z. B. der Gesundheit, der Persönlichkeit oder der Tagesform abhängig.

Belastung Beanspruchung

„Sprungbrett-Metapher“

Die Gesundheit des Menschen ist wie ein Sprungbrett. Im Normalzustand steht das Brett gerade. Trifft eine Belastung von außen auf das Brett, verbiegt sich dieses. Die Beanspruchung beschreibt, wie sehr sich das Brett nach einer Belastung biegt. Bei jedem Menschen ist die körperliche und mentale „Flexibilität“ unterschiedlich. Ist die Beanspruchung negativ, dann sprechen wir von Stress.

Psychische Erkrankungen

Psychische Erkrankungen sind gesundheitliche Schäden, die durch falsche, häufige oder übermäßige Belastungssituationen (Fehlbelastungen) entstehen. Ein Konflikt mit einem anderen Mitarbeiter kann einmalig Stress verursachen. Findet der Konflikt jeden Tag statt, weil ein Mitarbeiter den anderen wiederholt schikaniert (Mobbing), kann eine psychische Erkrankung, wie eine Angststörung, bei dem gemobbten Mitarbeiter entstehen.

Psychische Erkrankungen sind im Vergleich zu anderen Krankheiten besonders lang. Sie dauern durchschnittlich 40 Tage. Eine Umfrage der Deutschen Depressionshilfe zeigt auch, dass jeder fünfte Beschäftigte Erfahrungen mit Depression hat. Die Krankheitskosten für psychische Erkrankungen liegen bei ca. 44,4 Milliarden Euro pro Jahr. Die Gesundheit der Mitarbeiter über ein professionelles Gesundheitsmanagement zu schützen, ist heute auch aus wirtschaftlichen Gründen eine Empfehlung für Unternehmen.

Häufige psychische Erkrankungen:

  • Angststörung
  • Burnout
  • Boreout
  • Depression
  • Sucht

Ursachen für psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz:

  • Überforderung (Zeit-, Konkurrenz- und Leistungsdruck, Komplexität der Aufgaben, zu hoher Flexibilitätsanspruch etc.)
  • Unterforderung (z. B. durch monotone Arbeit)
  • Arbeitsbedingungen (Hitze, Lärm, Arbeitszeiten etc.)
  • Störungen des Arbeitsablaufs
  • Soziale Konflikte
  • Mobbing

Symptome für psychische Erkrankungen erkennen

Was müssen Arbeitgeber tun, um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu schützen?

Das Arbeitsschutzgesetz fordert nach § 5 ArbSchG vom Arbeitgeber eine Gefährdungsbeurteilung für psychische Belastung bei der Arbeit. Ziele des Arbeitsschutzes sind die Prävention von gesundheitsschädigenden Faktoren und die Sicherung einer menschengerechten Gestaltung der Arbeit. Eine Gefährdungsbeurteilung ist ein Instrument zur Messung von potenziellen Belastungen von Mitarbeitern am Arbeitsplatz, noch bevor etwas passiert. Die Gefährdungsbeurteilung kann in folgenden Schritten erfolgen:

  1. Befragungen
  2. Interviews
  3. Workshops
  4. Begehung
  5. Auswertung

Verschiedene Berufsgenossenschaften stellen kostenlos Schulungen, Merkblätter und Fragebögen zur Gefährdungsbeurteilung für Unternehmen zur Verfügung. Diese sind erste Anlaufstelle, um die Arbeitsbedingungen im Unternehmen zu untersuchen, Störungen in Arbeitsprozessen zu identifizieren und zwischenmenschliche Konflikte zu finden – und schließlich auch zu vermeiden.

Wo tun sich Unternehmen beim Thema Gesundheitsförderung schwer?

Eisberg

Noch heute ist die Gesundheit der eigenen Mitarbeiter für viele Unternehmen ein Thema, das stiefmütterlich behandelt wird. Ca. 1/7 der Kommunikation nehmen wir über das Verhalten anderer Menschen wahr. Ca. 6/7 spielen sich im Innenleben mit Gefühlen, Gedanken und Einstellungen ab. „Gesundheitsmanagement“ kratzt in vielen Unternehmen nur die Oberfläche dieses Eisbergs an. Die erste Herausforderung fängt bereits bei der Bestandsaufnahme und Analyse des psychischen Wohlbefindens (wie z. B. der Gefährdungsbeurteilung) der eigenen Mitarbeiter an. Darüber hinaus werden gesundheitsfördernde Maßnahmen oft auf Einzelhandlungen wie Ausflüge oder Yoga-Kurse reduziert, die keine langfristigen Lösungen für psychische Belastung und Erkrankungen darstellen.

In der Praxis hapert es nach der Gefährdungsbeurteilung oft an konkreten Verbesserungsmaßnahmen. Diese betreffen vor allem Veränderungen zu:

  • Arbeitsinhalt
  • Arbeitsorganisation
  • Arbeitsumfeld
  • Soziale Beziehungen (Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Kolleg*innen)

Wie können Unternehmen ihre Mitarbeiter gesund und glücklich halten?

Das Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) hat sich aufgrund des hohen Bedarfs an der Auseinandersetzung mit der Gesundheit der Belegschaft als eigenständiger und wertvoller Unternehmensbereich entwickelt. BGM umfasst alle strategischen und systematischen Maßnahmen, die Menschen helfen, sich am Arbeitsplatz besser zu fühlen. Beispiele für BGM-Maßnahmen sind Mitarbeiterschulungen zum Stressmanagement, die Wiedereingliederung von Langzeitkranken und eine positive Unternehmenskultur. Diese werden von einem internen oder externen Gesundheitsmanager übernommen.

Die Akzeptanz und Überzeugung der Führungsebene ist wichtige Voraussetzung, damit BGM-Maßnahmen ihren gewünschten Effekt erreichen. Im Kern geht das BGM von der Unternehmensführung aus, die „gesunde Change-Prozesse“ im Unternehmen ermöglicht und durchsetzt. Die Erfahrung zeigt, dass BGM-Verantwortlichen andernfalls viele Hürden in den Weg gestellt werden. Dagegen gewinnen Unternehmen, die sich der Gesundheit ihrer Mitarbeiter widmen.

Wissenswert: Im BGM-Ansatz ist Feedback entscheidend, um das Wohlbefinden der Mitarbeiter zu ergründen und langfristige Erkrankungen, wie Burnout oder Depressionen, zu verhindern. BGM ist damit auch ein Beispiel für agiles Arbeiten, das Feedback als Beginn von Veränderung sieht.

 

BGM – Ein gesundes Unternehmen schaffen

Eisberg

Unternehmen haben heute viele Möglichkeiten, die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter positiv zu beeinflussen. Arbeit ist nicht nur Belastung, sondern kann sinnstiftend sein, die persönliche Weiterentwicklung fördern oder jedem Menschen ein Zugehörigkeitsgefühl zu einem Team geben. Studien belegen, dass gute Laune ein Erfolgsfaktor ist. Glückliche und gesunde Mitarbeiter sind engagierter bei der Arbeit. Gesundheitsmanagement ist deshalb eine unschätzbare Investition in das eigene Unternehmen.

Krankheit und Stress einfach sichtbar machen

Krankheit und Stress einfach sichtbar machen

Krankheit und Stress einfach sichtbar machen

Herzfrequenzvariabilität

Als Herzfrequenzvariabilität (englisch heart rate variability, HRV) wird die natürliche Variation der Zeit zwischen zwei aufeinanderfolgenden Herzschlägen bezeichnet. Bei gesunden erwachsenen Menschen beträgt diese Variation in Ruhe ca. eine Zehntelsekunde. Die Herzfrequenzvariabilität ist ein Indikator für die Fähigkeit eines Organismus (Mensch, Säugetier), die Herzfrequenz den körperlichen und mentalen Anforderungen anzupassen. Maße für die Herzfrequenzvariabilität lassen sich statistisch im Zeitbereich als Streumaße (Mittelwert, Standardabweichung, Varianz) oder spektral im Frequenzbereich (low frequency, high frequency) ableiten; eine dritte Möglichkeit bieten nicht-lineare Methoden (z. B. Poincaré-Abbildung, Fluktuationsanalyse).

Über autonome physiologische Regulationswege passt ein gesunder Organismus die Herzschlagrate beständig momentanen Erfordernissen an. Körperliche Beanspruchung oder psychische Belastung hat deswegen in der Regel eine Erhöhung der Herzfrequenz zur Folge, die bei Entlastung und Entspannung normalerweise wieder zurückgeht. Dabei zeigt sich eine höhere Anpassungsfähigkeit an Belastungen in einer größeren Variabilität der Herzfrequenz. Unter chronischer Stressbelastung ist beides dagegen wegen der beständig hohen Anspannung, die dafür typisch ist, mehr oder weniger eingeschränkt und infolgedessen reduziert.

Übrigens ist das Zeitempfinden eine artspezifische Größe, die sich zwischen Menschen und manchen Tieren grundlegend unterscheidet – so besitzen Schnecken etwa einen Moment von 4 Reizen pro Sekunde, während Raubvögel sogar eine Gewehrkugel verfolgen können, denn sie verarbeiten etwa 100 Reize pro Sekunde. Da sich der Matrix-Effekt einer experimentelle Untersuchung verschließt, vermutet man als Ursache, dass das Gehirn in lebensbedrohlichen Situationen deshalb damit reagiert, da die Reize mit der Existenz des Betroffenen und dessen Übeleben zusammenhängen, sodass das Gehirn bzw. das neuronale System in eine Art Überlebensmodus schaltet.

EKG

Bereits im 3. Jahrhundert nach Christus erkannte der chinesische Arzt Wang Shu-he, dass ein variabler Herzschlag ein Zeichen für Gesundheit ist. Er dokumentierte dies in seinen Schriften Mai Ching (The Knowledge of Pulse Diagnosis). Da es keine Messinstrumente wie beispielsweise Stethoskop oder EKG gab, musste der Arzt sich sehr sensibel auf die Erfassung des Zusammenspiels der Körpersignale eines Patienten einstellen, um eine Krankheit daraus diagnostizieren zu können. Dass Wang Shu-he die Variabilität des Pulsschlags nicht zur Prognose verwendet hat, ist in „Von Spechten, Regentropfen und Herzschlägen … (s.u.)“ nachzulesen.

Aktuell existiert ein breites Forschungsspektrum zur Herzfrequenzvariabilität, das vorwiegend auf drei Bereiche konzentriert ist:

  • Klinischer Bereich: Risikostratifizierung und Gesundheitsprognose mit Parametern der HRV
  • Rehabilitative Medizin: klassische und nichtlineare HRV-Methoden für die Prognose- und Leistungsobjektivierung
  • Stressmedizin und Psychophysiologie: HRV-Biofeedback

Zur Leistungsdiagnostik und Belastungssteuerung wurden im Bereich der Sport- und Trainingswissenschaften neue Methoden entwickelt.

Der Abstand zwischen zwei Herzschlägen wird meistens definiert als die Zeit zwischen dem Beginn zweier Kontraktionen der Herzkammern. Dieser Beginn der Kammerkontraktion erscheint im Elektrokardiogramm (EKG) als so genannte R-Zacke. Der Abstand zwischen zwei R-Zacken wird daher als RR-Intervall bezeichnet (Es wird auch von NN-Intervallen gesprochen:

  1. um eine Verwechslung mit der Blutdruckangabe RR (nach Riva-Rocci) zu vermeiden und
  2. b) um R-Zacken zu kennzeichnen, die einer regulären, also vom Sinusknoten ausgehenden Herzerregung entstammen – im Gegensatz z. B. zu supraventrikulären und ventrikulären Extrasystolen. Das RR-Intervall lässt sich als Kehrwert in die Herzfrequenz umrechnen (60 BPM ~ 1000 ms: 60 Beats per minute ~ 1000Millisekunden RR-Abstand).

Die RR-Intervalle sind im Regelfall nicht gleich lang, sondern unterliegen Schwankungen. Die Quantifizierung dieser Schwankungen bezeichnet man als Herzfrequenz- oder Herzratenvariabilität (HRV).

Physiologie der Herzratenvariabilität

Ein Herzschlag wird beim gesunden Individuum durch einen Impuls des Sinusknotens als zentralem Taktgeber des autonomen Erregungssystems des Herzens ausgelöst. Dieses steht seinerseits unter dem Einfluss des übergeordneten vegetativen Nervensystems, wobei über den Sympathikus ein aktivierender Einfluss ausgeübt wird, der u. a. eine Erhöhung der Herzfrequenz zur Folge hat. Körperliche und psychische Belastungen gehen mit einer Steigerung der Aktivität des Sympathikus einher, während parallel dazu Körperfunktionen reduziert werden, die vom Vagus reguliert werden, wie etwa die Verdauung. Grob vereinfachend kann man sagen, dass der Sympathikus die Teilsysteme (Kreislauf, Muskulatur, Zucker) für Angriff und Flucht aktiviert, der Vagus im Gegenzug die hierfür erforderlichen Ressourcen aufbauen hilft, wenn sich der Mensch in einem entspannten Ruhezustand befindet. Äußere Einflüsse (Reize), psychische Vorgänge (Gedanken) oder mechanische Abläufe (Atmung) greifen dabei komplex ineinander, können sich dabei aber je nach eigenem Gewicht auch unterschiedlich auf den Herzschlag auswirken.

Messverfahren

Das EKG ist nach wie vor zentrales Diagnoseverfahren in der Kardiologie. Aus ihm lässt sich eine sog. Zeitreihe der RR-Intervalle bestimmen. Die Schwankung dieser Zeitreihe lässt sich mit Hilfe verschiedener Verfahren hinsichtlich ihrer Stärke, Zeitskala oder innerer Muster quantifizieren. Im Vergleich zum normalen Elektrokardiogramm, bei dem die Kurvenform diagnostische Bedeutung hat, steht bei der Messung der Herzratenvariabilität die zeitliche Auflösung der RR-Abstände im Vordergrund.

Eine einfache statistische Größe zur Bestimmung der Streuung ist die Standardabweichung der RR-Intervalle. Man unterscheidet heute drei Bereiche (Domänen), die zur Analyse der Herzfrequenzvariabilität genutzt werden:

  • Zeitbereich (z. B. Standardabweichung der RR-Intervalle)
  • Frequenzbereich (z. B. Spektrum der Herzfrequenzvariabilität)
  • nichtlinearer Bereich (z. B. Poincaré-Abbildungen).

Hinsichtlich ihrer Zeitskala lassen sich die Schwankungen der Herzfrequenz durch Verfahren der Spektralanalyse näher charakterisieren. In jüngerer Zeit werden auch komplexe empirische Parameter, wie z. B. die fraktale Dimension herangezogen.

Die Spektralanalyse ist ein sehr genaues Verfahren zur Feststellung der Frequenzanteile, aus denen sich die Variabilität der Herzfrequenz zusammensetzt. Sie gibt beispielsweise Auskunft über die Kopplung von Atmung und Herzschlag (also deren Kohärenz) im entspannten Zustand. Sind Atmung und Herzschlag gut gekoppelt, ergibt die Spektralanalyse einen eindeutigen Peak (Spitzenwert). Das betreffende Mess-Spektrum wird in der HRV-Forschung in drei Frequenzbänder aufgeteilt, VLF (very low frequency), LF (low frequency, mitunter auch als MF (middle frequency) bezeichnet) und HF (high frequency), teilweise zuzüglich eines vierten Frequenzbandes: ULF (ultra low frequency). Diese Frequenzen repräsentieren

Eine weitere Darstellungsform der Herzratenvariabilität ist das Histogramm. In einem Verlaufsdiagramm einer Biofeedback-Messung wird gezählt, wie viele der Herzschläge in eine bestimmte Klasse fallen. Bei größerer HRV verteilen sich die Herzschläge gleichmäßig über möglichst viele Klassen. Unter starker Belastung verschiebt sich die vegetative Balance und die HRV schränkt sich auf wenige Klassen ein.

Bedeutung

Da die Herzratenvariabilität ihren Ursprung in der Funktion des vegetativen Nervensystems hat, lassen sich prinzipiell Krankheiten erkennen, bei denen es zu Auswirkungen auf den Herzschlag kommt. Dabei sind Erkrankungen zu unterscheiden, die direkt das autonome Nervensystem schädigen, und Krankheiten, die sich etwa über dauerhaft erhöhte Stoffwechselbeanspruchungen indirekt auf das autonome Nervensystem auswirken.

Ein Beispiel für die erste Gruppe von Krankheiten ist die diabetische Neuropathie, eines aus der zweiten Gruppe die koronare Herzkrankheit. Auch psychische Erkrankungen können über eine Erhöhung des Katecholaminspiegels (Adrenalin, Noradrenalin) und die Sympathikusaktivierung erkennbare Folgen auf die Herzaktivität haben; die Herzfrequenzvariabilität kann daher auch im Bereich der Neuropsychiatrie zu diagnostischen Zwecken herangezogen werden.

 

HRV in Stressmedizin und Psychophysiologie

In den letzten Jahrzehnten wurden verschiedene Biofeedback-Techniken und -Geräte entwickelt, um die Variabilität der Herzfrequenz zu messen. Dabei wurde besonderes Gewicht auf die Messung der Koppelung von Herz und Atmung gelegt, um so den Grad der Kohärenz bzw. Synchronisation von Herzrhythmus und Atemfrequenz bestimmen zu können.

Synchronisation und chaotischer Verlauf von Atemrhythmus und Herzfrequenz sind bei diesen Biofeedback-Verfahren bildlich oder akustisch darstellbar. Die Messung des Pulses erfolgt dabei mit Hilfe eines Brustgurtes oder eines Ohrclips, wobei die Daten dabei auf spezielle Weise ausgewertet werden.

Festgestellt wurde, dass bei so komplexen Reaktionen wie Liebe oder Dankbarkeit, die mit der emotionalen Reaktion der Freude verbunden sind, eine messbare Synchronisation der Rhythmen von Herz und Atmung (Respiratorische Sinusarrhythmie) erfolgt. Diese Balance zwischen Atmung und Herzschlag verschwindet jedoch bei Reaktionen wie Hetze („Stress“), Ärger oder Angst, die mit vermehrter Ausschüttung von Stresshormonen einhergehen. Einige Studien sowie Übersichtsarbeiten und Metaanalysen weisen darauf hin, dass die Herzfrequenzvariabilität psychisch Kranker niedriger ist als psychisch gesunden Personen.

Von den USA ausgehend werden in den letzten Jahren zunehmend Forschungen unternommen um festzustellen, inwieweit Kohärenz von Herz und Atmung trainierbar ist, und welche Therapieerfolge mit unterschiedlichen Settings erreicht werden können. Dabei werden Biofeedback-Techniken eingesetzt und in verschiedenen Variationen das emotionale Erleben der Trainees zusätzlich oder alternativ gezielt zu beeinflussen gesucht. Dabei werden spezielle musikalische Kompositionen eingesetzt, Atemtechniken, Achtsamkeitsübungen, Tranceinduktionen oder gelenkte Imaginationen mit Konzentration auf Herz und Atmung in Verbindung mit der Aktivierung besonders positiver, etwa liebevoller Reaktionen.

Das HRV-Biofeedback wird als Coaching-Methode oder komplementärmedizinische Methode schon länger in der verhaltenstherapeutisch orientierten Psychotherapie genutzt. Nach Studien in den USA sind dadurch Depressionen, Herzerkrankungen, Asthma, Angststörungen und Schlaflosigkeit günstig beeinflussbar. Die Verbesserung der Kohärenz von Atmung und Herz kann auch beim Abbau von Anspannungen helfen, bei der Bewältigung von Stress und Angst, und dazu beitragen, im Alltag gelassener zu reagieren.

HRV-Biofeedback wird seit einiger Zeit in der betrieblichen Gesundheitsförderung eingesetzt.

Laut einer 2017 veröffentlichten Studie kann HRV-Biofeedback auch angewandt werden, um die Leistungsfähigkeit von Sportlern zu verbessern. Die Autoren erwähnen aber auch den Bedarf an weiteren Studien.

Auch bei Patienten, die an Atemnot, Müdigkeit oder Ödemen und zusätzlich unter Ängsten und Depressionen litten, half ein sechswöchiges Herzfrequenzvariabilitäts-Training.

HRV-gesteuertes Training im Spitzensport

Im Spitzensport wird in zunehmendem Maße die Trainingsbelastung mit HRV kontrolliert und gesteuert, um Überbelastungen zu vermeiden. So haben z. B. die vier neuseeländischen Ruderweltmeister 2015 ihr Training in den intensiven Phasen vor der Weltmeisterschaft mit HRV von Tag zu Tag periodisiert. Hierbei haben sie als Bezugsgröße den rMSSD (root mean square of successive differences = quadratischer Mittelwert der Differenzen aufeinanderfolgender R-R-Intervalle) herangezogen. Hierdurch kann rechnerisch die Wirkung einzelner Ausreißer minimiert werden. Da Ausdauersportler in der Regel bereits einen sehr niedrigen Ruhepuls haben, wird auch dem Einfluss des Parasympathikus Rechnung getragen.

Matrix Effekt

Matrix Effekt

Menschen, die eine gefährliche Situation überlebt haben, berichten häufig, dass die Zeit dabei plötzlich ganz langsam abläuft, wodurch sie scheinbar ganz ruhig reagieren konnten. Dieser Effekt wird auch als Matrix-Effekt bezeichnet, da in dem gleichnamigen Film manche Szenen ganz langsam ablaufen, etwa wie im Alltag ganz real bei Autounfällen, Stürzen und anderen Grenzsituationen. Offenbar verändert sich das Zeitempfinden in solchen Extremsituationen, da das Gehirn in diesem Fall auf Hochtouren läuft, da es automatisch auf Kampf oder Flucht eingestellt ist. Alle dabei ablaufenden psychischen Prozesse werden beschleunigt, sodass es dem Betroffenen scheint, dass die Zeit langsamer vergeht, was natürlich nicht der Fall ist, sondern allein aufgrund der inneren Beschleunigung.
Matrix Effekt
Übrigens ist das Zeitempfinden eine artspezifische Größe, die sich zwischen Menschen und manchen Tieren grundlegend unterscheidet – so besitzen Schnecken etwa einen Moment von 4 Reizen pro Sekunde, während Raubvögel sogar eine Gewehrkugel verfolgen können, denn sie verarbeiten etwa 100 Reize pro Sekunde. Da sich der Matrix-Effekt einer experimentellen Untersuchung verschließt, vermutet man als Ursache, dass das Gehirn in lebensbedrohlichen Situationen deshalb damit reagiert, da die Reize mit der Existenz des Betroffenen und dessen Überleben zusammenhängen, sodass das Gehirn bzw. das neuronale System in eine Art Überlebensmodus schaltet.