In der Ruhe liegt die Kraft- Default mode Network und das faule Gehirn

In der Ruhe liegt die Kraft- Default mode Network und das faule Gehirn

Default mode Network und das faule Gehirn

Das Wichtigste in Kürze

Verschiedene Regionen im Gehirn kommunizieren selbst dann miteinander, wenn wir stillliegen und an nichts Besonderes denken. Forscher entlocken diesen Ruhenetzwerken Hinweise auf veränderte Wahrnehmungsmuster, Krankheiten oder Lernvorgänge.

  • Selbst wenn Probanden nur still im Scanner liegen, lässt sich zwischen bestimmten Hirnregionen Kommunikation nachweisen: Ihre spontane Aktivität schwankt über einen bestimmten Zeitraum in ähnlicher Weise.
  • Netzwerke, die im Ruhezustand gefunden werden, decken sich häufig mit den Regionen, die bei bestimmten Aufgaben gemeinsam aktiv werden. Bekannt sind etwa visuelle, motorische oder Aufmerksamkeits-Ruhenetzwerke.
  • Das sogenannte Default Mode Network dagegen ist im Ruhezustand sogar aktiver als bei vielen Denkaufgaben und wird deshalb oft in einen Zusammenhang gestellt mit dem Treibenlassen der Gedanken.
  • Ruhenetzwerke können sich verändern, etwa bei Krankheiten, im Alter oder durch Lernvorgänge. Forscher arbeiten daran, diese Veränderungen für entsprechende Rückschlüsse zu nutzen.
  • Bei allen Ruhenetzwerken ist aber bislang unklar, welche Information sie in Abwesenheit einer konkreten Aufgabe verarbeiten. Es könnte sich auch um einfache Taktgeber ohne echten Inhalt handeln.

„Ruhe“ ist im Gehirn ein relativer Zustand. Selbst wenn wir stillliegen und an nichts Besonderes denken, verbraucht das Hirn etwa ein Fünftel der vom Körper benötigten Energie für sich. Auch die Nervenzellen sind nicht still, das zeigen spontane Aktivitätsschwankungen im Magnetresonanztomografen. Sie geben Hirnforschern Hinweise darauf, dass manche Regionen selbst in diesem „Ruhezustand“ miteinander kommunizieren: Ihre Aktivität ändert sich über einen bestimmten Zeitraum in ähnlicher Weise.

Netzwerke aus solchen im Ruhezustand gekoppelten Hirnregionen sind in den letzten Jahren stark in den Fokus der Forschung gerückt. Sie sind relativ leicht zu messen, erklärt Valentin Riedl, Leiter der Forschungsgruppe Intrinsische Hirn- Netzwerke am Klinikum rechts der Isar in München: „Die einzige Aufgabe der Probanden ist, ruhig im Scanner zu liegen.“

Synchrone Schwankungen

Viel Statistik fließt anschließend in die Auswertung: Nicht nur muss – wie stets bei der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) – die Aktivität einzelner Hirnregionen in mehreren Schritten berechnet werden. Anschließend gilt es, deren Zeitverläufe miteinander zu vergleichen. Ein Netzwerk wird darüber definiert, dass das fMRT- Signal in verschiedenen Regionen des Gehirns synchron schwankt. Die Annahme ist: Wenn weit voneinander entfernte Regionen derart synchronisiert sind, muss es zwischen ihnen Kommunikation geben. Diese so genannte funktionale Konnektivität kann sich mit der strukturellen Konnektivität decken, also damit, wie die direkten anatomischen Verbindungen per Nervenfaser verlaufen – sie muss es aber nicht.

Etwa ein Dutzend Ruhenetzwerke sind Forschern derzeit bekannt, die relativ konsistent in verschiedenen Studien immer wieder beschrieben werden. Die Mehrzahl dieser Netzwerke besteht aus Regionen, die auch bei spezifischen Aufgaben gemeinsam aktiv werden. So umfasste das erste Ruhenetzwerk, das der Biomediziner Bharat Biswal 1995 entdeckte, Regionen, die für gewöhnlich an der Bewegungssteuerung beteiligt sind. Auch Hirnregionen für das Sehen sind im Ruhezustand miteinander verknüpft. „Man hat auch Netzwerke für komplexere kognitive Aufgaben gefunden“, berichtet Riedl. Es sind Gruppen von Hirnregionen, die normalerweise bei Gedächtnis- , Aufmerksamkeits– oder Orientierungsaufgaben gemeinsam aktiv sind.

Ein Basiszustand des Gehirns?

Und dann gibt es das Default Mode Network. Der Name ist wahnsinnig intelligent gewählt, weil er einen Basiszustand zu beschreiben scheint. In einer 2001 veröffentlichten Studie mittels Positronen- Emissions- Tomografie wurde der Energieverbrauch des ruhenden Gehirns untersucht. Teile von präfrontalem Cortex, Praecuneus und Gyrus cinguli fielen auf, weil ihr Energieverbrauch zwar im Ruhezustand dem des restlichen Gehirns entsprach.

Bekamen die Probanden dann allerdings Aufgaben, verhielten sich diese Regionen sehr untypisch: Statt bei spezifischen ähnlichen Aufgaben die Aktivität zu steigern, sank diese stattdessen. Anders gesagt: Die Areale des Default- Netzwerkes waren offenbar in „Ruhe“ besonders aktiv.

Als Michael Greicius von der Stanford School of Medicine zwei Jahre später nachwies, dass genau diese Regionen auch funktional verknüpft sind – in Ruhe genauso wie bei einfachen Wahrnehmungsaufgaben – folgte schnell eine Welle weiterer Untersuchungen.

Es wurde bereits vermutet, dass das Netzwerk für eine kontinuierliche Beobachtung der Umwelt zuständig sein und diese Daten ständig auf ihre Relevanz bewerten könnte. Inzwischen wurde es auch in Bezug gestellt zum Treibenlassen der Gedanken, zu selbstbezogenem Denken – Themen, die in der kognitiven Psychologie etwa zeitgleich in den Fokus rückten, wie etwa Felicity Callard von der Durham Universität feststellen. Ja, sogar als Basis des menschlichen Bewusstseins an sich wurde das Default Mode Network diskutiert.

Großes kognitives Rauschen

Überhaupt ist bei allen Ruhenetzwerken noch völlig unklar, welche Information sie in Abwesenheit spezifischer Aufgaben verarbeiten. Ist doch die „Ruhe“ im Hirnscanner psychologisch „ein völlig unkontrollierter Zustand“. Jeder Proband denkt dabei an irgendetwas anderes. Der eine geht vielleicht seinen Einkaufszettel durch, während der nächste über seine Probleme grübelt oder die Scan- Impulse zählt. Die Forscher sprechen von einem „großen kognitiven Rauschen“. Dennoch gelte für die derart ermittelten funktionalen Verknüpfungen: „Was übrigbleibt, tritt dafür konsistent auf.“

So hat etwa eine Gruppe Forscher um Malaak Moussa von der Wake Forest School of Medicine, in Winston- Salem, North Carolina, 2012 einige der wichtigsten Ruhenetzwerke auch mit einem grundsätzlich anderen statistischen Ansatz gefunden. Diese Netzwerke wurden bisher hauptsächlich per fMRT ermittelt. Es gibt mittlerweile erste Studien, die näher an die einzelnen Nervenzellen herangehen und den fMRT- Ergebnissen elektrophysiologische Messungen gegenüberstellen. Dabei messen die Wissenschaftler Ströme im Hirn ihrer Probanden, sei es über den methodisch jüngeren Umweg der magnetischen Felder, mit Elektroden an der Schädeloberfläche oder bei Versuchstieren auch im Gehirn selbst. Diese Methoden liefern ein deutlich direkteres Maß für das, was in den Nervenzellen vorgeht, als die von Blutfluss und Sauerstoffzufuhr abhängigen fMRT- Werte. Doch auch anhand der Hirnströme lässt sich zum Beispiel nachvollziehen, dass etwa das Default Mode Network bei bestimmten Aufgaben seine Aktivitäten reduziert.

Eine Frage der Interpretation

Unklar bleibt trotzdem, ob die statistisch ermittelten Verknüpfungen eines Ruhenetzwerks einen echten Informationsfluss abbilden. Es kann sein, dass etwa im so genannten Aufmerksamkeits- Netzwerk laufend aufmerksamkeitsbasierte Prozesse ablaufen. Auch still im Scanner liegend könne ein Proband schließlich seine Aufmerksamkeit zum Beispiel auf die Geräusche lenken. Als anderes Extrem sieht man die Möglichkeit, dass die Verknüpfungen innerhalb eines Ruhenetzwerks nur Ausdruck eines Synchronisationsmodus sind, in dem Regionen, die viel zusammenarbeiten, sich einen Takt setzen, der keinen Inhalt hat.

Andere Forscher gestehen den Ruhenetzwerken mehr Aussagekraft zu. Gerhard Roth hat einmal formuliert, dass das Gehirn überwiegend mit sich selbst beschäftigt sei. Im visuellen System zum Beispiel entstammen unter zehn Prozent der Aktivität der Retina, der Rest entfällt auf interne Verarbeitung. Entsprechend vermutet Andreas Engel vom Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg, dass Ruhenetzwerke eher die eigenen, inneren Zustände des Gehirns abbilden. Ihn fasziniert vor allem, dass diese Fluktuation von Aktivität auf allen Lernprozessen, allem Vorwissen des Gehirns basieren. Und hier ergibt sich in seinen Augen eine faszinierende Schleife, denn das Gehirn ist permanent beschäftigt mit der Vorbereitung auf das, was der Außenwelt als nächstes an Reizen wohl einfallen mag. Diese Erwartungshaltung des Gehirns entspringt eben seinem Vorwissen – das dann wieder die Wahrnehmung der Außenwelt prägt.

Wie das Herz die Wahrnehmung beeinflusst

Wie das Herz die Wahrnehmung beeinflusst

Wahrnehmung beinflusst uns

Das Wichtigste in Kürze

Unser Herz und unser Gehirn kommunizieren ständig miteinander. Geraten wir etwa in eine gefährliche Situation, sorgen Signale aus dem Gehirn dafür, dass der Puls steigt – und entsprechend wieder sinkt, wenn die Gefahr vorüber ist. Umgekehrt sendet auch das Herz Informationen ans Gehirn und beeinflusst darüber auch unsere Wahrnehmung. Bislang ist jedoch unklar, wie das funktioniert. Forscherinnen des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in Leipzig und der Berlin School of Mind and Brain haben nun zwei entscheidende Mechanismen dafür entdeckt – und wie diese zwischen einzelnen Personen variieren.

Schlägt das Herz in seinem regelmäßigen Rhythmus, zieht es sich während der sogenannten systolischen Phase zusammen und pumpt Blut in den Körper. In der anschließenden diastolischen Phase fließt das Blut zurück, das Herz füllt sich wieder. Aus einer früheren Studie am MPI CBS weiß man: Im Laufe dieses Zyklus verändert sich unsere Wahrnehmung. Während der ersten Phase, der Systole, nehmen wir mit geringer Wahrscheinlichkeit einen elektrischen Reiz am Finger wahr als in der zweiten, der Diastole.

In der aktuellen Studie entdeckten nun die Wissenschaftlerinnen, was der Grund für diese veränderte Wahrnehmung ist: Mit dem Herzzyklus verändert sich auch die Hirnaktivität. Während der ersten Zyklusphase ist ein entscheidender Teil der Hirnaktivität unterdrückt, die sogenannte P300-Komponente. Bei der geht man davon aus, dass sie sonst den Übergang ins Bewusstsein kennzeichnet. Wird sie unterbunden, wird demnach die eintreffende Information nicht bewusst wahrgenommen. Das Gehirn scheint also zu erkennen, dass die durch den Puls hervorgerufenen Veränderungen im Körper nicht real als Reaktion auf eine veränderte Umgebung auftreten. Sie sind vielmehr nur eine Reaktion auf den regelmäßig wiederkehrenden Herzschlag. Dadurch stellt es sicher, dass wir uns nicht jedes Mal aufs Neue von unserem Puls stören lassen. Dieser Mechanismus scheint aber auch zu bewirken, dass echte äußere Reize während dieser Phase nicht wahrgenommen werden – zumindest entsprechend schwache.

Wahrnehmung Grafik

Während ihrer Untersuchungen entdeckten die Forscherinnen noch einen zweiten Effekt: Je stärker das Gehirn einer Person auf den Herzschlag reagiert, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie den äußeren Reiz wahrnimmt. „In dieser Zeit scheint sich die Aufmerksamkeit von Signalen, die von außen eintreffen, auf solche zu verschieben, die wir aus dem Inneren erhalten“, erklärt Esra Al, Erstautorin der Studie, die jetzt im renommierten Fachmagazin PNAS erschienen ist. Eine starke Reaktion des Gehirns auf den Herzschlag bedeute demnach, dass es sich in einem Zustand befindet, in dem es sich mehr auf Informationen aus dem Körper und den Organen konzentriere. Eindrücke aus der äußeren Welt blieben in dem Moment eher außen vor.

Die Ergebnisse sind auch medizinisch von Interesse. Sie erklären nicht nur bei Gesunden den Zusammenhang von Herz- und Hirnfunktion, sondern auch bei Erkrankungen dieser Organe.

Das könnte erklären, warum Menschen nach Schlaganfall oft gleichzeitig am Herzen erkranken, und warum – andersherum – Menschen mit Herzerkrankungen gleichzeitig in ihren kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt sind – obwohl die dafür zuständigen Hirnareale gar nicht direkt betroffen sind.

Untersucht haben die ForscherInnen diese Zusammenhänge mithilfe von schwachen elektrischen Signalen, die sie den Studienteilnehmern über Elektroden am Finger gaben. Parallel dazu erfassten sie die Hirnaktivitäten der Teilnehmer mithilfe von EEG und deren Herzaktivitäten mittels EKG.

Originalpublikation:

Esra Al, Fivos Iliopoulos, Norman Forschack, Till Nierhaus, Martin Grund, Paweł Motyka, Michael Gaebler, Vadim V. Nikulin, and Arno Villringer; Heart–brain interactions shape somatosensory perception and evoked potentials

 

Wie das Gehirn das Fürchten lernt

Wie das Gehirn das Fürchten lernt

Gerhirn fürchtet - Psychologie

Wie das Gehirn das Fürchten lernt

Vor Chefs, Hunden oder Spinnen fürchten sich Menschen nicht von Geburt an. Viele Ängste lernen wir erst im Laufe des Lebens. Das Gehirn ist dafür ideal eingerichtet: An alles, was es fürchtet, erinnert es sich besonders gut.

Das Wichtigste in Kürze

  • Bei der Furchtkonditionierung wird ein bedrohlicher Reiz in der Amygdala mit einem vorher neutralen Reiz verknüpft.
  • Die Amygdala ist verantwortlich für das Verknüpfen von Erinnerungen mit Emotionen.
  • Emotionale Ereignisse brennen sich dank verschiedener, vom Gehirn ausgeschütteter Botenstoffe besonders tief in das Gedächtnis ein.

Krankhaft ohne Angst

„Wenn mir’s nur gruselte!“, sehnt sich auch der Junge, der in einem Märchen der Gebrüder Grimm „auszog, das Fürchten zu lernen“, – ein Wunsch, den Patienten mit dem Urbach-Wiethe-Syndrom kennen. Denn bei den Betroffenen verkalken die Gefäße innerhalb der Amygdala, sodass die umliegenden Zellen absterben. Ihr Furchtempfinden ist meist stark gestört.

Im Fachmagazin „Current Biology“ berichtete Justin Feinstein zusammen mit Kollegen von der University of Iowa von einer Patientin (abgekürzt SM): In einer Zoohandlung griff sie interessiert nach Schlangen und hätte auch gerne eine Tarantel angefasst. Weder die Geisterbahn noch der Film „Das Schweigen der Lämmer“ erschreckten SM. “Der einzigartige Fall der Patientin SM bietet einen seltenen Einblick in die widrigen Folgen, ein Leben ohne funktionierende Amygdala zu leben. Für SM waren die Folgen schwerwiegend“, schrieben die Neurowissenschaftler. Da sie Gefahren nicht erkannte, wurde SM Opfer zahlreicher Verbrechen. Patienten ohne funktionsfähige Amygdala leiden häufig unter einem weiteren Defizit: Emotionale Inhalte können sie nicht besser erinnern als neutrale.

Löschen der Furcht

Watsons Experiment mit dem kleinen Albert wurde häufig kritisiert. Nicht nur wegen einiger methodischer Mängel – Watson schlug nur gegen die Eisenstange, wenn Albert die Hand nach dem Tier ausstreckte – sondern auch, weil Watson den kleinen Albert nicht von seiner Angst kurierte. Am Ende des Experimentes fürchtete sich Albert nicht nur vor weißen Ratten, sondern auch vor Nikolausbärten, Kaninchen und Hunden. Doch Albert verließ die Klinik, in der Watson ihn entdeckt hatte, bevor der Psychologe die Angst wieder aus Alberts emotionalem Gedächtnis löschen konnte.

Das Verlernen der Furcht bezeichnen Psychologen und Neurowissenschaftler als Extinktion (siehe auch Themenkomplex „Verlernen“). Bei der Extinktion folgt auf den wiederholt dargebotenen konditionierten Reiz kein unangenehmer Reiz. Watson hätte also Albert die weiße Ratte mehrfach ohne gleichzeitigen Lärm zeigen müssen. Hierbei handelt es sich um einen eigenständigen Lernprozess, bei dem der ventromediale präfrontale Cortex beteiligt ist. Zellen aus diesem Bereich des Cortex senden Fasern zu hemmenden Zellen im lateralen Kern der Amygdala. Eigentlich wird die Furcht also nicht gelöscht, sondern lediglich gehemmt. Daher können Ängste vor allem unter Stress spontan wieder auftreten.

Spur der Angst

Entscheidend für das emotionale Erinnern sind die N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptoren, kurz NMDA-Rezeptoren in der Amygdala. Blockiert man bei Tieren die NMDA-Rezeptoren in der Amygdala, können sie keine neuen Ängste durch Konditionierung erwerben. Das Besondere an diesen Rezeptoren ist, dass sie nicht reagieren, wenn sie nur durch einen Reiz erregt werden, sondern erst, wenn ein zweiter Reiz kurz darauf folgt. Über die geöffneten Rezeptoren strömen Calcium- und Natriumionen ins Zellinnere ein, wodurch die Zelle empfindlicher auf eingehende Reize reagiert. Tritt beim nächsten Mal nur der Ton auf, kann er allein die Zelle erregen, ein Prozess, bei dem die so genannte Langzeitpotenzierung von Bedeutung ist Lernen von Zelle zu Zelle.

Die Erregung der Zellen im lateralen Kern wandert über verschiedene andere Kerne schließlich zum Ausgang der Amygdala: dem zentralen Kern. Wie ein General erteilt der zentrale Kern Befehle an verschiedene Strukturen des Zwischen- und Stammhirns, die die angeborenen Angstreaktionen auslösen, um das Tier für Flucht oder Kampf zu wappnen.

Albert schreit. Der Säugling dreht sich nach links, fällt vorne über, rappelt sich hoch – und krabbelt schließlich weg, so schnell er kann. Eine weiße Ratte hat den elf Monate alten Knirps erschreckt. Noch zwei Monate zuvor hatte Albert zutraulich die Hand nach dem Tier ausgestreckt. Doch dann wurde der kleine Junge im Jahr 1920 Proband des Psychologen John B. Watson von der Johns Hopkins University. Und der schlug immer dann mit einem Hammer kräftig gegen eine Eisenstange, wenn er Albert die weiße Ratte zeigte – bis schon der Anblick des Tieres den kleinen Albert weinen und flüchten ließ. Watson war es gelungen, Albert das Fürchten zu lehren.

Auf der Suche nach der Angst

Die Methode, die heute wenig kindgerecht erscheint, war bereits als Furchtkonditionierung aus Tierexperimenten bekannt: Wenn ein furchtauslösender Reiz oft kurz nach oder gemeinsam mit einem zweiten Reiz auftritt, erzeugt auch der bis dahin neutrale Reiz Angst. „Ich kenne kein Tier, das nicht konditioniert werden kann“, schreibt der Neurowissenschaftler Joseph LeDoux von der New York University. Offenbar hat sich erlernte Angst in der Evolution als sinnvoll erwiesen – und das auch beim Menschen. Das Kind, das nach der ersten Brandblase den Herd fürchtet, profitiert genauso von diesem uralten Mechanismus wie die Katze, die vor dem Bellen des Nachbarhundes erschrickt.

Manche Ängste lassen sich besonders schnell erlernen, etwa die Angst vor Schlangen: Schon in der Frühzeit überlebten Urmenschen eher, wenn sie sich gegenüber allem fürchteten, was sich schlängelte. Doch die meisten heutigen Gefahren bedrohten vor tausenden von Jahren niemanden. Wären Menschen nicht in der Lage, Angst zu erlernen, wären sie möglicherweise bereits ausgestorben: von Zügen überrollt, von Autos überfahren oder durch Stromschläge umgekommen.

Was beim Lernen und Erinnern der Angst im Kopf passiert, hat der Neurowissenschaftler Joseph LeDoux an Ratten untersucht. Er setzte die Nager in eine Versuchsbox, ausgestattet mit einem Lautsprecher und einem Bodengitter aus Metall. Wenn ein Ton erklang, spürte die Ratte gleichzeitig über das Metallgitter einen leichten, aber unangenehmen Stromschlag. Wie zu erwarten, reagierte sie nach kurzer Zeit mit großer Furcht auf den Ton.

Das emotionale Gedächtnis: die Amygdala

Als der Angstforscher jedoch die Amygdala des Nagers zerstörte, zeigte das Tier plötzlich keine Furcht mehr. Versuchstiere mit geschädigter Amygdala konnten das Fürchten gar nicht erst erlernen. Auch bei Menschen mit Störungen der Amygdala zeigte sich, dass dieses Areal für das Lernen von Angst unerlässlich ist. Dieses Hirnareal, aufgrund seiner anatomischen Struktur auch Mandelkern genannt, ist eine Ansammlung von Kernen tief im linken und im rechten Schläfenlappen, in unmittelbarer Nähe des Hippocampus.

Mit bildgebenden Verfahren konnten Neurowissenschaftler mittlerweile auch beim Menschen zeigen, dass die Amygdala gesteigerte Aktivität aufweist, wenn der Angstschweiß strömt und der Puls steigt. „Eine Ratte würde durch die Nachricht eines Börsencrashs niemals eine Panikattacke bekommen“, so LeDoux, „und ein Mensch fürchtet sich normalerweise nicht vor einer Katze. Doch die Weise, wie unsere Körper auf die Neuigkeit eines Börsencrashs reagieren, ist der Reaktion einer Ratte, wenn sie eine Katze sieht, sehr ähnlich.“

Doch was genau passiert in den Kernen, aus denen die Amygdala besteht? Der Thalamus, die sensorische Schaltzentrale des Gehirns, informiert den lateralen Kern der Amygdala sowohl über die Präsentation des Tones als auch über den unangenehmen Fußreiz. Am Tor der Amygdala werden die Informationen über den Signalton und den Stromschlag miteinander verknüpft. Die Zellen dort sind multimodal. Das bedeutet, sie können die Informationen verschiedener Sinnesorgane verarbeiten – also Gesehenes, Gehörtes, aber auch Schmerz oder Berührung. Dass der elektrische Reiz auf den Ton folgt, gräbt sich in das „Gedächtnis“ der Amygdala ein.

Amygdala

Die Amygdala ist ein wichtiges Kerngebiet im Temporallappen, welches mit Emotionen in Verbindung gebracht wird. Es bewertet den emotionalen Gehalt einer Situation und reagiert besonders auf Bedrohung. Die Amygdala – zu Deutsch: Mandelkern – wird zum limbischen System gezählt. © dasGehirn.info

Angst im Korrekturmodus

Das ungute Gefühl beim Erklingen des Tones, die emotionale Erinnerung, entsteht somit in der Amygdala. Doch für die bewusste Furcht benötigt der Mensch weitere Gehirnregionen: Den jeweiligen sensorischen Cortex, den unimodalen sowie den polymodalen Assoziationscortex und den Hippocampus. Wie die Amygdala erhalten auch diese Areale ihre Informationen vom Thalamus. Doch statt einer groben Skizze des Geschehens erhält und verarbeitet der Cortex eine detaillierte Aufnahme der Situation. Auf diese Weise kann er ähnliche, aber unterschiedlich bedrohliche Reize wie etwa zwei verschiedene Töne unterscheiden. Manchmal entpuppt sich durch die Analyse des Cortex die bereits aufwallende Angst der Amygdala als Fehlalarm: Der Einbrecher an der offenen Balkontür war doch nur der Vorhang im Wind.

Haben sich Ängste erst einmal entwickelt, bestehen sie meist für lange Zeit. Denn Angst entsteht nicht nur im Gehirn, sie verändert es auch: Lernen von Zelle zu Zelle. Es besteht aber auch die Möglichkeit, die Angst wieder abzuschwächen – mit einer Art umgekehrter Konditionierung.

Wenn das Gehirn eine Angst erlernt, speichert es nicht nur genaue Informationen über den furchtauslösenden Reiz ab, sondern es merkt sich auch den Kontext. Schließlich ist eine Schlange auf dem Waldboden gefährlicher als eine Schlange hinter Glas. Dafür, dass wir uns solche Kontextinformationen einprägen, sorgt der Hippocampus im Schläfenlappen, der eine wichtige Rolle beim Merken und Erinnern von Fakten spielt.

Emotionale Erinnerungen haften besser

Die Verknüpfung der Emotion mit der Erinnerung hat einen Grund: Die Amygdala drückt den Erinnerungen den Stempel „wichtig“ auf. Deshalb können sich Menschen emotional aufgeladene Erinnerungen besser merken. Ängstigende Erlebnisse zu erinnern, ist besonders wichtig. Schließlich kann es das Leben retten, Höhen, Schlangen oder brutale Mitmenschen zu meiden. Daher aktiviert der zentrale Kern der Amygdala in einer furchteinflößenden Situation nicht nur das Kampf- oder- Fluchtsystem, sondern auch das emotionale Gedächtnis. Indem die Amygdala den Nucleus basalis im basalen Vorderhirn erregt, bewirkt dieser, dass in nahezu allen Strukturen des Cortex der Botenstoff Acetylcholin ausgeschüttet wird. Dieser Neurotransmitter unterstützt das Gehirn dabei, möglichst viele Sinneseindrücke aufzusaugen. Zudem sorgt die Amygdala dafür, dass verschiedene Stresshormone freigesetzt werden. Diese spielen eine wichtige Rolle, wenn Menschen sich emotionale Erlebnisse einprägen oder erinnern.

Dass Albert sich an das Scheppern der Eisenstange erinnerte, sobald er die Ratte sah, ist also ein genauso komplexer wie lebenswichtiger Mechanismus. Um Ängste vor Ratten, Hunden oder auch Chefs zu lernen, benötigt der Mensch nicht nur eine formbare Amygdala, sondern auch verschiedene Cortexareale und den Hippocampus. Nur so können wir den Dackel vom Rottweiler unterscheiden, die Angst vorm Hund bewusst empfinden und uns erinnern, wie uns einst ein Rottweiler in die Wade gebissen hat.

Angststörung

Angststörung

Angststörung-Psychologie

Symptome und Therapien bei überwältigender Angst

Angst ist ein notwendiges Gefühl. Sie hilft uns dabei, Gefahren zu erkennen und uns vor möglichen negativen Folgen zu schützen. Sind Angstreaktionen jedoch überwältigend und völlig übertrieben, kann man von einer Angststörung sprechen. Wir erklären dir, welche Symptome es gibt und wie du eine Angststörung therapieren kannst.

Was man unter einer Angststörung versteht

Von einer Angststörung spricht man, wenn das normale Angstgefühl ins Extreme umschlägt und das Leben der Betroffenen stark einschränkt. Angst ist ganz normal. Sie stellt sich in vielen Situationen ein. Man kann zwischen Furcht, Angst und Panik unterscheiden. Während Furcht sich meist auf einen konkreten Gegenstand bezieht, ist Angst eher abstrakt und ein allumfassendes Gefühl. Panik bezeichnet man als eine übermächtige Angst, bei der es schwer fällt klar zu denken. Der Betroffene reagiert meist völlig unüberlegt und handelt reflexartig.

Angststörungen gehen oft mit Panik einher, beispielsweise in Form von Panikattacken. Die Angst tritt hier in völlig harmlosen Situationen auf – wie in einem Café, in dem man gerade mit der besten Freundin einen Kaffee trinkt. Oft gibt es keinen speziellen Auslöser. Die Angst tritt ganz plötzlich auf und trifft den Betroffenen völlig unvorbereitet und in stärkster Ausprägung. Körperliche Symptome treten auf und die Panikattacke ist nicht mehr zu stoppen.

Spätestens wenn Angst in einer Panikattacke mündet, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Dieser untersucht den Patienten auf eine mögliche Angststörung und schließt weitere mögliche Ursachen aus, denn Angstzustände können auch auf andere psychische und körperliche Erkrankungen hinweisen.

Angststörungen sind keine Seltenheit. Sie zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Circa jeder achte Deutsche leidet an einer Angststörung. Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer. Zu den Angststörungen zählen Panikstörungen, Phobien und die Generalisierte Angststörungen. Unbehandelt können sie schwerwiegende Folgen wie Depressionen mit sich bringen. Traumatische Ereignisse können ebenfalls zu Ängsten führen.

Angststörungen: Die Ursachen

Die Ursachen für Angststörungen sind vielfältig. Oft spielen mehrere Faktoren zusammen, so dass jede Angststörung für sich ganz individuell verläuft. Das können zum Einen genetische Veranlagungen, belastende oder traumatische Ereignisse oder ein Vermeidungsverhalten sein, das die Ängste noch weiter schürt. Angeborene Eigenschaften wie ein labiles vegetatives Nervensystem, das Funktionen der inneren Organe kontrolliert, begünstigen die Ausprägung verschiedener Ängste. Auch die Konfliktfähigkeit spielt bei der Bildung von Angst eine Rolle. Ist der Betroffene in einzelnen Situationen schnell überfordert, kann er in diesen Situationen vermehrt Ängste entwickeln.

Angststörungen und ihre Symptome

Eine Angststörung ist der Oberbegriff für eine Vielzahl von Krankheiten. Die Krankheitsbilder sind dabei sehr verschieden und mit ihnen die Symptome. Obwohl manche Krankheiten ineinander übergreifen, muss man sie und ihre Symptome klar voneinander trennen.

Phobien

Phobien beschreiben die Angst vor bestimmten Gegenständen, Situationen oder Personen. Nicht jede Phobie muss behandelt werden. Erst wenn die Angst den Alltag des Betroffenen einschränkt, muss man eine Therapie in Erwägung ziehen. Phobien kann man in bestimmte Kategorien einteilen:

  • Agoraphobie: Diese Phobie bezeichnet man auch als Platzangst. Diese beschreibt die Angst vor der Außenwelt bzw. vor öffentlichen Situationen. Der Betroffene fürchtet einen Kontrollverlust, der es ihm nicht ermöglicht, in einer Notfallsituation zu fliehen.
  • Soziale Phobien: Soziale Phobien beziehen sich vor allem auf andere Menschen. Betroffene fürchten sich vor der Beurteilung oder Bloßstellung anderer Menschen und vermeiden darum vermehrt soziale Events.
  • Spezifische Phobien: Phobien können sich auf allerlei Gegenstände und Situationen beziehen. Während ein Teil davon weniger belastend ist und eher selten zum Problem wird, können andere Formen sehr belastend sein. Beispiele sind:
  • Klaustrophobie, die die Angst vor engen Räumlichkeiten beschreibt
  • Hypochondrie, bei der sich Betroffene vor Krankheiten fürchten
  • Glossophobie, die die Angst vor dem Sprechen bezeichnet

Die Symptome können sich je nach Art der Phobie unterscheiden. Während bei einer sozialen Phobie schon Händezittern, Übelkeit und Harndrang für eine Diagnose ausreichen können, gehen andere Formen mit starken Panikattacken einher.

Panikstörung

Panik

Panikstörung

Panikstörung als Angststörung

Die Panikstörung kennzeichnet sich vor allem durch wiederholtes Auftreten von Panikattacken. Diese treten ohne offenkundigen Grund in den verschiedensten Situationen auf und treffen den Betroffenen völlig unvorbereitet. Eine Panikattacke macht sich vor allem durch körperliche Beschwerden bemerkbar. Dazu zählt Atemnot, Schwindel und Herzrasen. Die Attacken können nur einige Minuten oder bis zu zwei Stunden andauern. Im Anschluss sind die Betroffenen psychisch und körperlich ausgelaugt und benötigen einige Zeit, um wieder zu Kräften zu kommen. Dazu kommt, dass eine Panikattacke sehr traumatisch für die Betroffenen sein kann. Die Angst vor einer weiteren Panikattacke schränkt diese in ihrer Lebensqualität stark ein. Sie versuchen Panikattacken vorzubeugen, indem sie Situationen vermeiden, in denen eine Panikattacke möglich ist. Mit dieser Vermeidungsstrategie schränken sie sich jedoch stark ein.

Die Symptome sind:

  • Atemnot
  • Schwindel
  • Herzrasen
  • Übelkeit
  • Angst vor einer weiteren Attacken

Generalisierte Angststörung

Die Generalisierte Angststörung bezeichnet eine ständige Angst, die die Betroffenen nur in seltenen Momenten loslässt. Diese Angst begleitet sie meist über Monate oder Jahre hinweg und wird in vielen Fällen erst spät erkannt. Erste Anzeichen für diese Form der Angststörung ist eine innere Unruhe und stetige Besorgnis, die die Betroffenen in ihrem Denken und Tun zu kontrollieren scheint. Die Angst muss sich auf keine bestimmte Bedrohung beziehen, sondern kann allgemein und ganz ohne Grund sein. Dennoch können die Betroffenen das Gefühl nicht ablegen, dass ein schlimmes Ereignis bevorzustehen scheint. Die Generalisierte Angststörung kann mit Symptomen wie Ruhelosigkeit, Schlaflosigkeit, Muskelverspannungen und Zittern einhergehen. In schweren Fällen kann es zu Depressionen oder Panikattacken kommen. Besonders häufig sind Menschen betroffen, die das 30. Lebensjahr bereits überschritten haben.

Die Symptome sind:

  • Schlaflosigkeit
  • Muskelverspannungen
  • Zittern
  • Ruhelosigkeit
  • Starkes Schwitzen

 

Posttraumatische Belastungsstörung

Auch die Posttraumatische Belastungsstörung – kurz PTBS – zählt zu den Angststörungen. Diese kann nach stark belastenden Erfahrungen auftreten, bei dem der Betroffene um seine Sicherheit fürchten musste. Zu diesen Erlebnissen können sowohl Krieg und Terror als auch Unfälle und Naturkatastrophen zählen. Die Betroffenen sind oft sehr reizbar und unruhig. Häufig leiden sie unter Schlafstörungen und Albträumen, die sie das traumatische Erlebnis erneut erleben lassen. Auch hier versuchen die Betroffenen ein Wiedererleben eben dieses traumatischen Ereignisses zu vermeiden und isolieren sich von ihren Mitmenschen.

Die Symptome sind:

  • Reizbarkeit
  • Innere Unruhe
  • Schlafstörungen
  • Albträume
  • Isolation

Selbsttest: Leiden Sie an einer Angststörung?

Wenn Ihnen einige der genannten Symptome bekannt vorkommen und Sie nun auch befürchten, an einer Angststörung zu leiden, können Sie sich mit unserem Schnelltest ein wenig Klarheit verschaffen. Natürlich ersetzt dieser keinen Arztbesuch – der ist auch nach Beendigung des Tests unweigerlich – doch kannst du mit diesem einen ersten Eindruck erhalten.

Im Folgenden haben wir Ihnen einige Aussagen aufgelistet, die Sie entweder bejahen oder verneinen können. Trifft die Mehrzahl der Aussagen auf Sie zu, solltenSie zur Sicherheit einen Arzt hinzuziehen, dem Sie Ihre Beschwerden näher schildern. Dieser kann Ihre Symptome besser einschätzen und Ihnen eine erste und genauere Diagnose stellen. Auch wenn Sie die meisten der Aussagen verneinen, ist es nicht ausgeschlossen, dass Sie nicht doch an einer Angststörung leiden.

  • Sie haben in letzter Zeit Schwierigkeiten, sich zu entspannen.
  • Sie machen sich sehr viele Sorgen über Gefahren, Ihre Mitmenschen oder Ihre Gesundheit.
  • Sie sind vermehrt gereizt.
  • Sie leiden unter einer innerlichen Anspannung und Nervosität, ohne dass Sie einen Grund dazu hätten.
  • Sie wissen nicht, wie Sie Ihre Ängste kontrollieren können.
  • Sie leiden unter Schlafstörungen.
  • Sie verspüren vereinzelt oder ständig eine Angst, die Ihnen ein Gefühl von Unheil vermittelt.
  • Ihnen fällt es seit einiger Zeit schwer, Ihren Alltag zu meistern.
  • Sie erinnern sich willkürlich an psychisch belastende Situationen aus Ihrer Vergangenheit.
  • Sie leiden unter Konzentrationsstörungen.
  • Sie ängstigen sich in völlig harmlosen Situationen.
  • Wenn Sie weniger Sorgen und Ängste hätten, könnten Sie mehr Leistung bringen.

Therapie: So können Sie eine Angststörung behandeln

Eine Angststörung kann gut therapiert werden, allerdings nur, wenn diese schnell erkannt wird. Daher ist es wichtig, bereits erste Anzeichen ernst zu nehmen und medizinisch abklären zu lassen. Je länger eine Angststörung besteht, desto schwieriger erweist sich auch die Therapie. Dennoch gibt es einige Behandlungsansätze. Diese können ambulant, stationär oder in spezialisierten Kliniken stattfinden.

Verhaltenstherapie

Die Verhaltenstherapie ist eine wirksame Methode der Psychotherapie und wird bei vielen unterschiedlichen Leiden eingesetzt. Dabei werden verschiedene Ansätze verfolgt. Zum Einen werden positive Eigenschaften des Patienten hervorgehoben, sodass er Konflikte selbstständig zu lösen lernt. Zum Anderen sollen schlechte Gewohnheiten durch positives Verhalten ersetzt werden, um so neuen Konflikten vorzubeugen. Auch die Konfrontationstherapie wird als Teil der Verhaltenstherapie eingesetzt. Dabei wird der Patient direkt mit seinen Ängsten konfrontiert und zum Umdenken angeregt. Dieser Prozess wird durch einen Therapeuten begleitet.

Medikamente

Eine medikamentöse Behandlung hat sich bei Angststörungen bewährt, vor allem wenn sie mit einer psychotherapeutischen Behandlung kombiniert wird. Es kommen vorwiegend Antidepressiva zum Einsatz, die eine durchaus positive Wirkung bei Angststörungen zeigen. Sie helfen dabei Ängste zu lindern und sorgen gleichzeitig für eine bessere Stimmung bei den Patienten. Darüber hinaus bleibt die Leistungsfähigkeit des Patientin bestehen, so dass er seinen Alltag wieder alleine meistern kann. Jegliche Medikamenteneinnahme sollte zuvor mit einem Arzt abgesprochen werden.

Entspannungstechniken

Spezielle Entspannungstechniken können sich positiv auf eine Vielzahl von Angststörungen auswirken. Besonders die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson hat sich bei Angststörungen bewährt. Dabei werden einzelne Muskelpartien abwechselnd an- und wieder entspannt. So wird Stress abgebaut und Verspannungen gelöst. Die Patienten lernen auf diese Weise, den Zustand der Anspannung von Entspannung zu unterscheiden und diese Unterscheidung bewusster wahrzunehmen. Des Weiteren lernen die Patienten Anspannung bewusst zu kontrollieren und somit Ängsten und Panikattacken vorzubeugen.

Informieren

Angehörige und Patienten sollten sich ausreichend über Angststörungen, deren Symptome und Folgen informieren. Darüberhinaus sollten die Patienten über mögliche Ursachen der Angst informiert werden. Dazu bietet sich ein Gespräch mit einem Psychotherapeuten an. So können die Patienten mit diesen zusammen eine individuelle Lösung finden. Angehörige sollten den Patienten bei der Heilung unterstützen und die Angsterkrankung als eine Erkrankung akzeptieren, die therapiert werden muss und nicht nur durch die reine Willenskraft des Patienten geheilt werden kann.

Hot or not

Hot or not

Strategien bei der Partnerwahl

Wir fühlen uns angezogen von guten Tänzern, intelligenten Männern oder schönen Frauen. Dahinter stecken uralte Vorlieben und ganz schön viel Strategie.

Das Wichtigste in Kürze

  • Soziobiologischen Theorien zufolge verfolgen Frauen und Männer unterschiedliche Strategien bei der Partnerwahl.
  • Diese Strategien sind in grauer Vorzeit entstanden, da Frauen beim Sex ein höheres Risiko eingehen und bei einer Schwangerschaft mehr investieren müssen.
  • Während Frauen im Vergleich zu Männern Status, Kraft und Intelligenz höher gewichten, wünschen sich Männer mehr als Frauen eine gut aussehende und jüngere Partnerin.

Hot or not? 

Damit wir uns anziehend finden, müssen sich nicht einmal alle unsere Wünsche nach Status, Jugend oder einem passenden Immunsystem erfüllen. Das sind verschiedene Währungen, die gegeneinander ausgespielt werden. Wenn wir jemanden das erste Mal sehen, sind andere Aspekte wichtig als in langjährigen Beziehungen. Um den ersten Filter zu passieren, müssen Sie eine ‚hot or not‘-Entscheidung treffen. Je näher wir uns kennenlernen, desto stärker spielt dann auch die Persönlichkeit des anderen eine Rolle.

Samstagnacht in einer beliebigen Disko: Sie zuckt rhythmisch zu den Beats, lächelt ihren Freundinnen zu, nippt am Bier und lässt den Blick durch die Menge schweifen. Aus den Boxen dröhnt ein Charthit von 2020. Doch im Gehirn unserer Protagonistin, nennen wir sie Sarah, läuft ein uraltes Programm.

Großstädter in der Disko unterscheiden sich bei der Partnersuche gar nicht so sehr von Steinzeitmenschen, wie sie vielleicht meinen. Trotz Online-Dating und Facebook- Beziehungsstatus hat sich eines nicht geändert: Die Frauen bekommen die Kinder und investieren daher bereits vor deren Geburt mehr in ihren Nachwuchs. Denn während der Schwangerschaft müssen sie nicht nur ihr Ungeborenes versorgen, sondern können auch keine weiteren Kinder zeugen und somit ihre Gene nicht weitergeben.

Psychologen vermuten, dass sich dieses Ungleichgewicht auf die Partnerwahl auswirkt: Die Zeit und Kraft, die Frauen bereits in das Ungeborene gesteckt haben, „lohnt“ sich nur, wenn sie es auch großziehen. Dafür brauchen sie einen starken Partner. Frauen sollten demnach Männer bevorzugen, die genügend Ressourcen für die Familie aufbringen können. Männer stehen dagegen vor einem anderen Problem: Die fruchtbare Zeit ihrer Partnerinnen ist begrenzt. Je jünger und gesünder die Frau ist, desto wahrscheinlicher wird sie erfolgreich Kinder mit ihm zeugen können.

Bedingt durch dieses Ungleichgewicht setzen Männer und Frauen unterschiedliche Prioritäten bei der Partnerwahl, so das Konzept der Soziobiologie und das Ergebnis zahlreicher Studien. Der Psychologe Adrian Furnham vom University College London ließ beispielsweise 2009 Männer und Frauen ihre Traumpartner beschreiben: Männer betonten dabei gutes Aussehen stärker als Frauen. Den weiblichen Teilnehmern waren dagegen Intelligenz, Beständigkeit und Bildung wichtiger als den Männern, aber auch Körpergröße und soziale Fähigkeiten. Bestimmte Merkmale eines potenziellen Partners gilt es offenbar zu erkennen – am besten schon beim ersten Zusammentreffen.

Traumtänzer, Couch- Potatoes und Abenteurer

Zwischen den vielen Tänzern ist Sarah einer aufgefallen. Anders als die anderen wippt er nicht nur ein wenig im Takt. Stattdessen biegt und dreht er seinen Oberkörper, bewegt den Kopf zur Musik, schwingt die Beine. Damit begeistert er jedoch nicht nur Sarah. Frauen schätzen einen ganz bestimmten Tanzstil, stellte eine Arbeitsgruppe um Bernhard Fink von der Universität Göttingen in mehreren Studien fest. Die Wissenschaftler nahmen die Bewegungen von Männern auf und übertrugen diese auf virtuelle Figuren, bevor sie die Clips den Frauen vorspielten. Auf diese Weise stellten sie sicher, dass das Aussehen der Männer die Frauen nicht beeinflusste. Das Ergebnis: Wer Hals und Oberkörper häufig und vielfältig wandte und bog und das rechte Knie schnell bewegte, beeindruckte die Damenwelt am ehesten. Zu Recht, denn die attraktiven Tänzer erwiesen sich in weiteren Studien als körperlich stärker und als abenteuerlustig.

„Frauen erkennen den Couch- Potato gegenüber dem abenteuerlustigen, risikobereiten, durchsetzfähigen und kräftigen Mann relativ schnell aufgrund seiner Tanzbewegung. Das ist ein Grund, weshalb der Tanz so ein Klassiker bei der Partnersuche ist. Aus evolutionsbiologischer Sicht kann die Frau so schon früh einen gesunden und fitten Partner mit guten Genen aufspüren. Doch auch Männer können einiges aus dem Tanz der Frauen ablesen. So bewerten sie den Tanzstil von Frauen als attraktiver, die gerade im fruchtbaren Zeitraum ihres Zyklus sind.

Sarah hat sich ein Herz gefasst und sich dem guten Tänzer genähert. Er, nennen wir ihn Jan, lächelt ihr zu. Denn auch sie ist ihm aufgefallen. Soziobiologen gehen davon aus, dass Jan mit einem raschen Blick Sarah abgescannt hat auf Hinweise für ihre Reproduktionsfähigkeit. Dafür spricht, dass bestimmte hormonabhängige Merkmale besonders anziehend wirken. Bei Frauen sind das Merkmale, die besonders markant unter dem Einfluss von Östrogen ausgebildet werden, wie etwa prominente Wangenknochen, ein kurzes Untergesicht, große Augen oder volle Lippen. Zudem deuten verschiedene Studien darauf hin, dass Männer ein bestimmtes und zudem gesundes Verhältnis von Taillenumfang zu Hüftumfang präferieren. Doch der magische Idealwert von 0,7 ist keineswegs unumstritten.

Er riecht so gut

Sarah und Jan tanzen mittlerweile eng umschlungen. So eng, dass sie den Körpergeruch des anderen wahrnehmen können. Auch dadurch gewinnen sie Informationen über den anderen. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um Pheromone, die oft als sexuelle Lockstoffe durch die Medien geistern. Bei einem wirklichen Pheromon müssten wir zwar ähnlich wie eine männliche Motte reagieren, die kilometerweit dem Lockstoff des Weibchens hinterherfliegt.

Doch die Psychologie ist sich sicher, dass auch Menschen chemisch miteinander kommunizieren. Allerdings senden Menschen Informationen in Form einer komplexen Mischung von Molekülen im Körpergeruch – Informationen etwa über die Beschaffenheit des eigenen Immunsystems aus. Auch das ist biologisch sinnvoll: Denn zeugen zwei Partner mit sehr ähnlichen Systemen ein Kind, ist der Sprössling möglicherweise gegen zu wenige Krankheitserreger gewappnet. Hinter dem Ausspruch „Den kann ich nicht riechen“ steckt demnach etwas Wahres. Das Gehirn reagiert stärker, wenn wir Menschen wahrnehmen, die ein sehr ähnliches Immunsystem haben. In solch seltenen Fällen warnt uns der Geruch.

Sex mit Fremden?

Offenbar können sich Jan und Sarah gut riechen. Jan könnte sich nun vorbeugen und ihr ins Ohr flüstern: „Wie wäre es mit einem One- Night- Stand?“ Vermutlich bliebe er damit jedoch erfolglos. Denn Frauen tragen beim Sex naturgemäß ein höheres Risiko als Männer. Aus evolutionsbiologischer Sicht sollten sie daher wählerischer sein. Bereits 1989 konnten Russel Clark und Elain Hatfield zeigen, dass dies offenbar auch noch in Zeiten der Pille gilt. Die Psychologen baten mehrere Collegestudenten, Studierende des jeweils anderen Geschlechts anzusprechen: „Du bist mir auf dem Campus aufgefallen. Ich finde dich sehr attraktiv.“ Danach sollten die Probanden entweder ein Date, ein Treffen bei sich oder eine gemeinsame Nacht vorschlagen.

Von den Frauen war keine einzige bereit, mit einem Wildfremden zu schlafen. Bei den Männern dagegen antworteten 75 Prozent mit Ja. Zu einem vergleichbaren Ergebnis kam der Psychologe Gert Martin Hald von der Universität Kopenhagen, der die Studie 2010 zusammen mit einem Kollegen wiederholte. Zwar waren die Frauen offener gegenüber gutaussehenden Fremden, auf das Angebot zum One- Night- Stand reagierten sie jedoch ähnlich verhalten.

Geschickter wäre es, Sarah auf einen Drink einzuladen. Im Gespräch könnte Jan beiläufig sein Medizinstudium erwähnen. Denn im Laufe der Evolution sind Frauen sensibel geworden für Zeichen von Status und Intelligenz. „Neben körperlicher Kraft und Durchsetzungsfähigkeit müssen Sie auch in der Lage sein, Cleverness zu beweisen“, erklärt Fink, „Wenn Sie alles nur mit den Fäusten erledigen, werden sie nicht viel Erfolg haben in der Gesellschaft.“ Noch besser als nur vom eigenen Status zu reden: ihn demonstrieren. „Ich muss den Beweis antreten“, erklärt der Biophilosoph Eckart Voland von der Universität Gießen, „indem ich Ressourcen investiere in Merkmale, die sich meine Mitbewerber nicht leisten können.“ Nach demselben Prinzip investiert der Pfau in seine kostbaren Federn (Vom Sinn der Schönheit) und der Mann, so die Idee, in teure Sportwagen, schicke Uhren und noble Villen.

An der Bar unterhält sich unser Pärchen bereits angeregt. Sind die beiden nun reine Marionetten ihrer Biologie? So plausibel evolutionsbiologische Erklärungen klingen, sie sind schwer zu beweisen. Für sie spricht jedoch: Auf der ganzen Welt zeigen Menschen ähnliche Vorlieben. Natürlich prägt auch die jeweilige Kultur unsere Partnerpräferenzen. Je gleichberechtigter die Geschlechter in einer Gesellschaft sind, desto weniger stimmen die Präferenzen mit den alten Mustern überein, fanden Marcel Zentner und Klaudia Mitura 2012. Die soziobiologische Theorie gefährdet das jedoch laut Voland keineswegs: „Erworben oder angeboren – diese Dualität ist irreführend.“ Stattdessen suchen wir unseren Traumprinzen anhand eines Mix aus angeborenen Vorlieben, individuellen Präferenzen und anerzogenen Idealen.

Kein Mensch braucht Sex

Kein Mensch braucht Sex

Mensch braucht SEX

Wozu ist der Sex gut? Um uns vor Bakterien zu schützen, sagen die Evolutionsbiologen. Und die Liebe? Die ist noch einmal ein Kapitel für sich.

Das Wichtigste in Kürze

  • Liebe steht im Dienst der sexuellen Fortpflanzung, sowohl beim Verlieben als auch bei der Bindung von Eltern und Kindern.
  • Die sexuelle Fortpflanzung ist ein Erfolgsmodell der Evolution seit einer Milliarde Jahren.
  • Warum, war lange unklar, weil asexuelle Organismen sich schneller vermehren als sexuelle.
  • Nach aktuellen Erkenntnissen steckt die Erklärung für das Rätsel im Immunsystem höherer Tiere: Damit es funktioniert, müssen die Gene immer neu gemischt werden, und das passiert beim Sex.
  • Bei der Partnerwahl werden die passenden Gene mit der Nase erkannt.
  • Die sexuelle Paarbindung kann Liebesbeziehungen begründen, die sich emotional extrem entwickeln: bis zur Selbstaufgabe oder bis zur tödlichen Eifersucht

Der Geruch der Gene

Eine neue Untersuchung an Mäusen, genauer gesagt: an deren Urin, stellt die Lehrmeinung, dass Tiere und Menschen bei der Partnerwahl speziell die Immungene des Gegenübers scannen, plötzlich in Frage. Der Urin von Mäusen enthält nämlich viel mehr Peptide, die von anderen Genen stammen. Die Autoren der neuen Studie, zu denen auch der Tübinger Immunologe Hans-Georg Rammensee gehört, halten es für wahrscheinlicher, dass die Mäuse einen Gesamteindruck davon bekommen, in welchem Maße der potenzielle Partner ihnen genetisch ähnelt. Eine optimale Genmischung würde bei den Nachkommen nur entstehen, wenn das Paar nicht zu nah verwandt ist. Es darf sich aber auch nicht um eine völlig fremde Art handeln.

„Liebe“ heißt der Film. Er gewann 2012 die Goldene Palme von Cannes und 2013 einen Oscar. „Liebe“ von Michael Haneke erzählt nicht die übliche Geschichte vom Jungen, der sein Mädchen trifft, wie sie nicht erst seit „Romeo und Julia“ immer wieder erzählt wird. „Liebe“ erzählt von den letzten Monaten im Leben eines alten Ehepaars. Georges, der alte Mann, kämpft um die Würde von Anne, seiner Frau, die körperlich und geistig immer mehr verfällt. Er kämpft, bis er selbst nicht mehr kann und dem gemeinsamen Elend durch eine brutale Tat ein Ende setzt.

Das ist eine ganz andere Liebe als die, von der der Schlager und die TV- Werbung erzählen: „Everybody wants to love …“, und schon steht die junge Schöne vor der Tür, öffnet für den Freund den Mantel und trägt darunter nur einen Hauch von nichts. Das ist Sex pur, das ist die heiße Phase der Liebe. Eine Phase, die auch Anne und Georges durchgemacht haben, wie die gemeinsame Tochter sich im Film erinnert: Als Kind habe sie immer mitgehört, wie die Eltern miteinander schliefen, erzählt sie bei einem ihrer letzten Besuche zu Hause. Das habe sie beruhigt, weil es ihr signalisiert habe: Die Eltern lieben sich noch. Sie werden nicht auseinandergehen.

Es gibt also einen Zusammenhang zwischen Sex und Liebe. Aber worin besteht er genau? „Oxytocin“ würde ein Biochemiker zur Antwort geben. Das Hormon, das auch als Neurotransmitter wirkt, ist im Spiel, wenn zwei Menschen sich verlieben, aber auch, wenn zwischen Mutter und Kind eine erste, enge Bindung entsteht. Aber gäbe es Liebe zwischen Erwachsenen auch ohne Sex? Und ohne das komplizierte Paarungsspiel und die heftige Begierde, die ihm vorangeht?

Vor zwei Milliarden Jahren: Der erste Sex

Die Frage erscheint müßig, denn Sex gibt es schon seit rund einer Milliarde Jahren, als die ersten Bakterien damit anfingen. Sein Sinn ist die Neukombination von Erbmaterial, nicht die Vermehrung. „Reproduktion ist der Prozess, bei dem sich eine Zelle in zwei teilt, und Sex ist ein Vorgang, bei dem zwei Zellen zu einer verschmelzen“, so hat es der Evolutionsbiologe John Maynard Smith einmal auf den Punkt gebracht. Doch warum geschah das? Und warum blieb es dabei? Das ist ein altes und noch nicht vollständig gelöstes Rätsel der Biologie.

Die sexuelle Fortpflanzung ist zu einem Erfolgsmodell der Evolution und zum Standardmodell für Säugetiere geworden, obwohl sie viele Nachteile hat. So macht sie etwa komplizierte Umbauten im Körper und im Gehirn nötig, um zwei Geschlechter zu schaffen, die sich auch äußerlich und im Sexualverhalten unterscheiden. Doch die individuelle Entwicklung kann ganz unterschiedliche Wege einschlagen. Das zeigen Varianten der menschlichen Sexualität wie die Homosexualität, die Asexualität und die Pädophilie.

Ohne Sex geht‚s schneller

Dabei ist Fortpflanzung auch ohne Sex sehr effektiv möglich, wie viele Organismen beweisen. Sogar höhere Organismen wie Grubenottern, Haie, Molche und Eidechsen; gelegentlich können sich sogar Truthühner per Jungfernzeugung vermehren. Die Eizellen dieser durchweg weiblichen Tiere entwickeln sich ohne Befruchtung durch Samenzellen zu einem vollständigen neuen Tier. Möchte man mit diesen Tieren tauschen? Helen Pilcher, die im „New Scientist“ darüber berichtete, kann sich das durchaus vorstellen. „In der Tat hat ein Leben ohne Männer gewisse Vorteile“, schreibt sie. „Das kann jeder Evolutionsbiologe bestätigen und sicher auch jede Frau, die gerade mit ihrem Freund Schluss gemacht hat. In Populationen, die nur aus Weibchen bestehen, pflanzt sich nicht das Paar, sondern jedes Individuum fort. Solche Tiere können sich schneller vermehren als zweigeschlechtliche Arten.“

Das ist tatsächlich der Fall, wie Vergleiche innerhalb von Arten ergeben, die beide Formen der Fortpflanzung kennen. Bereits in der vierten Generation hat ein asexuelles Weibchen viermal so viele Urenkel wie ein sexuelles. Der Vorsprung wächst mit jeder weiteren Generation. „Ginge es nur um reine Zahlen, Sex wäre schon längst von der Bildfläche verschwunden oder im Laufe der Evolution gar nicht erst aufgetaucht“, sagt Manfred Milinski vom Max- Planck- Institut für Evolutionsbiologie in Plön.

Die evolutionäre Wurmkur

Er selbst hat erheblich dazu beigetragen, eine vorläufige Antwort auf das große Rätsel zu geben, warum die Sexualität sich trotzdem durchsetzen konnte, auch bei den Menschen. Sie ist sehr unromantisch, diese Antwort. Denn sie lautet: Damit wir ein effektives Immunsystem gegen Bakterien und andere sich rasch vermehrende und rasant evolutionär verändernde Krankheitskeime entwickeln können, müssen wir öfter mal die Gene mischen. Dazu braucht es neben der Frau auch den Mann. Und das ist ein wenig kränkend für diesen. „Männer sind also weiter nichts als eine biologische Krankenversicherung“, fasste der Wissenschaftsjournalist Michael Miersch diese Idee einst zusammen, „oder, beschämender noch, eine evolutionäre Wurmkur. Allerdings als solche unverzichtbar.“

Die Romantik kommt aber doch wieder ins Spiel, klammheimlich sozusagen. Nämlich spätestens dann, wenn es darum geht, dass sich die Richtigen finden. Es braucht eine gute Nase dafür, selbst bei Fischen. Ein Stichlingsweibchen kann es im Wasser riechen, ob ein Männchen, das ihm sein selbst gebautes Liebesnest anbietet, die richtigen Gene hat – die passenden Immunfaktoren, die die eigene Ausstattung so gut komplettieren, dass der Nachwuchs optimal geschützt ist. Es sind kleine Eiweißbruchstücke, so genannte Peptide, die der Fisch riecht. Manfred Milinski hat es in vielen ausgefeilten Paarungsexperimenten gezeigt.

Und so ähnlich klappt es auch beim Menschen, wie im Artikel von Hanna Drimalla nachzulesen ist: Beim Tanz in der Disko sind wir nah genug dran am Objekt unserer Begierde, um unseren guten Riecher für den Richtigen oder die Richtige zu beweisen. Ist es nicht fantastisch, was unsere Nase da leistet? Und nicht nur die Nase, auch das nachgeschaltete Gehirn!

Wie man sieht, läuft hier vieles unbewusst ab, auf uralten biologischen Bahnen. Das hat die Natur gut eingerichtet, denn mit dem Verstand allein würden wir hier sicher viel vermurksen. Doch hat unser bewusstes Denken und Entscheiden, haben unsere höheren kognitiven Zentren in Sachen Liebe gar nichts zu melden? Sehr wohl sogar, meinen zwei unserer Autoren, Christian Wolf und Bas Kast. Fürs Heiraten beispielsweise gibt es durchaus rationale Gründe: So bringt ein Trauschein eine im Durchschnitt höhere Lebenszufriedenheit, mehr Freude am Sex – und eine bessere Gesundheit. Das letztere Argument führten amerikanische Wissenschaftler kürzlich an, um sich für die Legalisierung der Ehe unter Homosexuellen stark zu machen.

Gefährliche Gefühle

Und doch wird sie sich niemals vollständig in legale Grenzen sperren, niemals gänzlich zähmen lassen, die Liebe. Dazu ist sie zu anarchisch, dazu sind die dazugehörigen Emotionen zu stark. Nicole Simon zeigt das am Beispiel der Eifersucht, die sich von einem kaum spürbaren Stich zu einem veritablen Wahn steigern – und tödlich enden kann.

Auch Filmregisseur Michael Haneke weiß von der zerstörerischen Kraft, die der Liebe innewohnt, von Anfang an. „Liebe ist gefährlich, lebensgefährlich“, sagte er in einem Gespräch mit dem „Spiegel“. „Liebe ist etwas, was einen selber weit übersteigt.“